Berlin : Die Sonne brennt, das Geschäft brummt

Klaus Kurpjuweit,Heidemarie Mazuhn

Trotz der Hitze zog es Hunderttausende in rund tausend GeschäfteKlaus Kurpjuweit und Heidemarie Mazuhn

Wo kamen all die Menschen her? Die Bäder waren gestern voll, in den Parks tummelten sich die Halb- und die Ganznackten, in Biergärten und auf den Stühlen vor Cafés gab es kaum freie Plätze - und in die Geschäfte, die am Sonntag von 12 Uhr bis 17 Uhr geöffnet hatten, strömten die Kauflustigen und gaben auch viel Geld aus.

Fürs KaDeWe, das zum ersten Mal sonntags zum Kaufen einlud, war die Premiere erfolgreich, wie Geschäftsführer Volker Weihe am Nachmittag sagte. "Das Geschäft brummt", bilanzierte Sprecherin Dagmar Flade zufrieden. In den fünf Sonntags-Verkaufsstunden sei der Umsatz eines sehr guten Wochentages erreicht worden. Über 100 000 Besucher wurden nach Weihes Angaben gezählt. Gefragt war vor allem sommerliche Bekleidung. Wichtiger als der betriebswirtschaftliche Erfolg war für Weihe die Tatsache, dass das KaDeWe nach einem Schlichterspruch zum ersten Mal sonntags öffnen durfte. "Auch wir müssen die Kunden hegen und pflegen."

Trubel herrschte auch in der Feinschmeckeretage, obwohl den Mitarbeitern dort die übliche Vorbereitungszeit fehlte. "Hier haben wir die Karten etwas umgestellt, so dass bereits die ersten Kunden bedient werden konnten", sagte die Sprecherin. Knapp tausend Mitarbeiter waren im Einsatz, so viel wie an anderen Tagen. Viele hätten sich zur Sonntagsarbeit freiwillig gemeldet.

Nur wenige hätten sich dagegen am Streik beteiligt, sagte Flade weiter, zu dem die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) die Beschäftigten aufgerufen hatte. "Wir streiken für familienfreundliche Arbeitszeiten" stand auf einem Spruchband. Das Interesse der Passanten daran war gering.

Am Kurfürstendamm wuselte es wie wochentags in den geöffneten Geschäften. Bei WMF-Geschenke war man vom sonntäglichen Kaufinteresse an Spargelschälern und anderen Haushaltsdingen bis hin zum Kochtopf ebenso überrascht wie vom Andrang im Bekleidungshaus P & C an der Schloßstraße in Steglitz. Auch bei Wertheim am Kurfürstendamm wurde gestern Mittag eingekauft, statt daheim den Sonntagsbraten zu verzehren. "Da hat man mal richtig Zeit und Ruhe, sich etwas auszusuchen", sagte in der Schuhabteilung eine junge Frau, die einen Berg Sandaletten um ihren Anprobierstuhl herum ausgebreitet hatte. Schuhe und sommerliche Kleidung zogen sichtlich das meiste Interesse der Kunden an.

Bei Karstadt Sport am Neuen Kranzler Eck rissen sich Erwachsene und Kinder schon kurz nach 12 Uhr die Kickboards aus der Hand - so heißt die moderne Version des guten alten Tretrollers. Neben Skateboards und Inlineskates war dieses neueste Fortbewegungsmittel gestern der Verkaufshit des Sonntags. "Viele Erwachsene kaufen Kickboards als schnelle Möglichkeit, um vom Auto zum Büro zu gelangen", sagte Johannes Essig von Karstadt Sport, der bestens zufrieden mit dem Kundenstrom war.

Nicht ganz so groß war der Andrang im Kaufhaus Galeries Lafayette an der Friedrichstraße. Aber die Sonntagsöffnung hat sich auch dort gelohnt. "Die Kunden brachten mehr Zeit mit, waren gelassen - und haben mehr gekauft als an hektischen Tagen", stellte Geschäftsführer Patrice Wagner fest. Weniger gefragt waren die Lebensmittel, gut besucht dagegen war der Restaurantbereich.

Hier kam die gestrige Öffnung für Wagner etwas zu früh. Vom 15. Mai an bietet Lafayette nämlich eine besondere Attraktion an. Dann gibt es einen Bistrobetrieb auf dem Gehweg - wie in Paris. Etwa 60 Plätze soll es im Freien geben; und eine Bar.

Geöffnet hatten nach Angaben des Einzelhandelsverbandes etwa tausend Geschäfte in der gesamten Stadt. Ob am Alexanderplatz, am Kurfürstendamm, an der Tauentzienstraße oder an der Schloßstraße in Steglitz - wo es möglich war, wurde auch gekauft. "Das ist eine Ausnahme", sagte jedoch eine Verkäuferin in einem Warenhaus. "Wenn es immer so sein soll, müsste man mehr Personal einstellen." Und den Hinweis, dass Öffnungszeiten in Amerika kein Thema seien, wies sie zurück. "Die arbeiten dort ja auch für viel weniger Geld." Und sie ist überzeugt: "Wir bekommen schon noch amerikanische Verhältnisse."

Übrigens: Auf der fünftägigen Messe für Sanitär, Heizung, Klima und Gebäudeautomation unterm Funkturm, die mit als Anlass für die Sonntagsöffnung der Geschäfte diente, zählte man 30 000 Besucher.

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