Berlin : Die Sonne ist der beste Wahlhelfer

Sabine Beikler

Der Wähler ist kompliziert: Er ist wetterfühlig, schwer zu motivieren, weiß aber ganz genau, dass eine Abgeordnetenhauswahl nicht mit einer Bundestagswahl zu vergleichen ist. Bei Regionalwahlen ist der Anteil der Nichtwähler deshalb normalerweise immer etwas höher. Dennoch erwartet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit eine Wahlbeteiligung von über 70 Prozent. Parteien- und Wahlforscher teilen diesen Optimismus nicht: Eine Wahlbeteiligung zwischen 66 und 70 Prozent sei schon gut.

Obwohl die Umstände für diese Abgeordnetenhauswahl - der Bruch der Großen Koalition und die aktuelle außenpolitische Situation - ungewöhnlich sind, fällt laut der letzten Infratest dimap-Umfrage im Auftrag des Tagesspiegel und des SFB das Interesse für die Wahl nur durchschnittlich aus. Vier von zehn der Befragten gaben an, weniger (33 Prozent) oder gar nicht (sieben Prozent) an den vorgezogenen Neuwahlen interessiert zu sein. Sechs von zehn bekunden ein starkes (40 Prozent) oder ein sehr starkes (20 Prozent) Interesse. Die größte Aufmerksamkeit zeigen Anhänger der Grünen (75 Prozent), der FDP (73 Prozent), der SPD (67 Prozent), der PDS (63 Prozent) und der CDU (62 Prozent).

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Warum die Berliner Wähler sich nur durchschnittlich für die Abgeordnetenhauswahl begeistern können, führt Parteienforscher Oskar Niedermayer auf den "langweiligen" Wahlkampf zurück. In der letzten Wahlkampfphase habe es zwischen den Parteien an klaren Kontroversen gefehlt. Deshalb fühlten sich die Wähler nicht sonderlich motiviert. Nach den Anschlägen in den USA am 11. September erreichte der Wahlkampf mit der Angst vor Terror-Angriffen eine neue Dimension. Den Wähler beeindrucken die Sicherheitskonzepte der Berliner Parteien nicht - meint jedenfalls Manfred Güllner, Chef des Forsa-Institutes. Der Berliner sage sich vielmehr: "Ein Bürgermeister kann mich nicht vor Terror schützen. Das ist Sache der Bundespolitik."

Vor der Wende war die Wahlbeteiligung mit durchschnittlich weit über 80 Prozent durch die Berliner Sondersituation außerordentlich hoch. 1990 lag die Wahlbeteiligung immerhin noch bei 80,8 Prozent. Die Motivation der Wähler damals war klar: der Wiedervereinigung in der Stadt eine politische Richtung geben. 1995 sackte die Wahlbeteiligung auf 68,6 Prozent ab. Und 1999 hatte die Wahlbeteiligung mit 65,5 Prozent ihren historischen Tiefpunkt seit 1946 erreicht.

Eine geringere Wahlbeteiligung kommt immer den kleineren Parteien zugute, da sie auf eine aktivere Stammwählerschaft setzen können, die bei Wind und Wetter zur Wahlurne gehen. Den höchsten Anteil an eigener Wählerklientel hat die PDS, gefolgt von den Grünen. Ob die Bündnisgrünen am heutigen Sonntag ihr Wählerpotenzial ausschöpfen werden, sehen die Parteien- und Wahlforscher wegen der innerparteilichen Diskussion über die US-Angriffe in Afghanistan allerdings kritisch. Von einer sehr hohen Wahlbeteiligung profitieren dagegen traditionell die großen Parteien. Sie schöpfen dann ihr Wählerreservoir voll aus.

Den gemeinen Nichtwähler können die Forscher im Übrigen nicht ausmachen. Nur ein kleiner Teil der Unentschlossenen fällt in die Kategorie "Parteienverdrossenheit", der größte Teil ist nicht an Politik interessiert. Auch die Wetterlage spielt bei der Wahlbeteiligung eine Rolle. Gutes Wetter kommt erfahrungsgemäß ebenfalls den großen Parteien zugute. Ob das Wetter am Sonntag einige der schätzungsweise 20 bis 30 Prozent Nichtwähler doch zur Wahl motivieren wird? Nach einem sonnigen Sonnabend rechnen die Meteorologen für heute mit überwiegend trockenem Wetter.

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