Berlin : Die Spaßgesellschaft, das war gestern

Ernst sein ist wieder in, sagt Helge Birkelbach. Er muss es wissen. Die Love Parade ließ er hinter sich und widmet sich jetzt der Klassik

Till Schröder

Techno und Love Parade werden zu Geschichten aus dem letzten Jahrtausend, wenn ein Pionier wie Helge Birkelbach über das Heute spricht. Im Jahr des Mauerfalls hat er die PR-Arbeit für die erste Love Parade gemacht. Fünf Jahre später gründete er den postkartengroßen Partyführer „Flyer Up-Dates“. Dessen Aufmachung brachte den Zeitgeist der 90er Jahre auf den Punkt, doch Birkelbach verließ die Redaktion nach knapp zwei Jahren. Er blieb dem Zeitgeist auf den Fersen, und der geht seine eigenen Wege: Die neue Erfindung des Clubkultur-Medienmachers heißt „Classix". Die erste Ausgabe des Klassik-Magazins ist gerade erschienen.

Was ist passiert, wird „die Szene“ alt? Helge Birkelbach ist jetzt 40. Er trägt ein schwarzes Jackett überm Pulli. Nichts an ihm ist schrill. Nein, alt fühle er sich nicht. „Ausgehen hält jung“, sagt er. Er geht immer noch viel aus. Technoclubs besucht er aber nur noch, um sich auf dem Laufenden zu halten. Neue Impulse finde er dagegen woanders, auf Vernissagen oder Modeschauen zum Beispiel oder bei privaten Abendessen mit ernsten Gesprächen unter Freunden.

Birkelbach meinte es immer ernst. Als er 23-jährig aus einem rheinländischen 1200-Seelen-Dorf nach Berlin kam, erlebte er seine „wilde Zeit“. Und auf den ersten Technopartys „war der Umgangston respektvoll und authentisch“. Doch die Love Parade 1996 machte für ihn die Wende spürbar. Da sah Birkelbach erstmals Schläger unter den Tänzern. „Auf den Partys heute gibt es zu viel leeren Exzess, Egomanie total. Das ist Vergangenheit.“ Deshalb wandte er sich davon ab.

Birkelbach kommt in Fahrt, wenn er über die neuen Trends spricht. Im 21. Jahrhundert sei wieder ernste Sinnsuche gefragt. Die Leute wollten mit sich ins Reine kommen. Jetzt spricht er in der geschliffenen Sprache des Medienprofis. Er zitiert die neuesten Aussagen der Trend- und Marktforschung. Nach Ansicht der Werber boomen Werte wie Verlässlichkeit, echte Partnerschaft statt Lebensabschnittspartner. Wirtschaftskrise und Terror beschleunigten den Trend, seien aber nicht die Ursachen, meint Birkelbach: „Der 11. September wirkte wie ein Katalysator für eine Entwicklung, die schon in der Luft lag.“

„Entschleunigung“ ist sein Lieblingswort. Ernste Musik biete einen Fundus aus rund 1000 Jahren voller sorgfältig erarbeiteter, lang gereifter Stücke. Eine Symphonie nehme sozusagen das Tempo aus unserer Zeit der Drei-Minuten-Hits. Und Opern handelten von den großen Themen Liebe, Leben und Tod. „Mit diesen Themen wollen sich wieder viele Menschen auseinander setzen.“ Das dies nicht nur für Birkelbachs Generation gilt, beweist er mit der Zielgruppe, die er mit seinem Klassikmagazin erreichen will. Die jüngsten Leser sind 25 Jahre alt. Birkelbach hatte schon früh Kontakt zu Klassik, seine Eltern hörten viel klassische Musik. Später fand er darin seine musikalische Gegenwelt zum aufpeitschenden Techno.

Der Rückzug ins Private und der Trend zur neuen Ernsthaftigkeit seien in Berlin unverkennbar. „Berlin ist eine anthropologische Frontstadt“, sagt Birkelbach. „Sie erfindet sich ständig neu, und das tun auch die Leute hier.“ Stehaufmännchen Birkelbach ist selbst das beste Beispiel dafür. Bis Januar 2000 gestaltete er das Begleitheft zur Pro-7-Serie „Welt der Wunder“. Er verfügte über ein Büro am Hackeschen Markt mit 15 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,7 Millionen Mark. Dann machte ihm der Bankrott eines Auftraggebers über Nacht alles zunichte. „Eine typische New-Economy-Luftnummer war das“, sagt er.

Seit dieser Erfahrung setzt sich Birkelbach für „Entschleunigung“ und solide Netzwerke ein. Er bewarb die CD „Feeling: good“. Das ist ruhige Hintergrundmusik für ruhige Zusammenkünfte. Werte wie Familie und Privatsphäre verwirklicht der Single Birkelbach auf eigene Art: Seit Anfang vorigen Jahres veranstaltet er gemeinsam mit einer PR-Frau seinen monatlichen „Private Thursday“ im Souterrain der Bar „Oxymoron“. Dort tauschen sich wechselnde, etwa 20 geladene Gäste über Berufliches und das Leben im Allgemeinen aus. Seit neuestem unterstützt klassische Musik die „private“ Atmosphäre der Kontaktplattform: „Letztens lief Klaviermusik von Schubert und Ravel“, sagt Birkelbach freudestrahlend. „Das kam sehr gut an.“

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