Berlin : Die Spaßgesellschaft

Anna Netrebko und Rolando Villazon singen bei Barenboim in der Staatsoper – am 19. Mai gratis für alle

Frederik Hanssen

Das gibt es sonst nur bei der Berlinale oder bei Präsentationen der ganz großen Hollywood-Blockbuster: Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Pressekonferenz haben sich die Kamerateams die besten Plätze gesichert, der Schwarm der Fotografen wogt unruhig hin und her, drängt hinaus auf den Flur – denn die Stars lassen natürlich auf sich warten. Dann plötzlich wildes Gewusel, unterm Blitzlichgewitter formiert sich das Podium, ein paar Fragen, hektisch gestellt, pauschal beantwortet, noch ein Gruppenfoto, dann ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei.

Anna Netrebko und Rolando Villazon sind in der Stadt, das heißeste Paar des Klassikbusiness. Wo die attraktive Russin und der wuschelköpfige Mexikaner auftauchen, dreht die Opernwelt durch, spielen sich dramatische Szenen an den Vorverkaufskassen ab – und Pressekonferenzen wie diese im Apollosaal der Staatsoper. Daniel Barenboim, der Hausherr, ist anfangs genervt vom Medienrummel. „Setzten Sie sich hin, damit wir endlich anfangen können“, herrscht er die Bildreporter an, die sich zur blickdichten Mauer formiert haben und hinter ihren Riesenobjektiven immer wieder „Anna, Anna“ rufen. „Wir haben schließlich noch zu proben!“ Am 29. April findet die Premiere von Jules Massenets „Manon“ Unter den Linden statt, Barenboim hat kurzfristig das Dirigat vom ursprünglich verpflichteten Kapellmeister Bertrand de Billy übernommen, der sich offiziell mit der hier gezeigten Fassung der französischen Oper nicht anfreunden wollte. Anna Netrebko ist erst am Mittwoch in Berlin eingetroffen, zusammen mit Villazon hatte sie am vergangenen Wochenende eine Aufführungsserie von Puccinis „La Bohème“ in München absolviert.

Erst als die Fragerunde eröffnet ist, und Daniel Barenboim merkt, dass sich zumindest einige Journalisten tatsächlich auch für das Stück interessieren, wird er gesprächiger, erzählt, dass er Jules Massenet erst jetzt für sich entdeckt hat. Und schon plant er weitere Stücke des einst für seine ebenso eleganten wie herzergreifenden Liebesdramen gefeierten Komponisten: „Werther“ will er mit Rolando Villazon in der Titelrolle machen, vielleicht ein weiteres Stück zu Massenets 100. Todesjahr 2012.

Rolando Villazon erfreut derweil die Fotografen mit seiner faszinierenden Mimik: Erst wirkt er wie von düsteren Gedanken umwölkt, die Augen scheinen sich geradezu unter die buschigen Brauen zurückzuziehen, dann knipst er sein Gesicht unvermittelt wieder an, strahlt, macht eine Grimasse, bei der selbst Mr. Bean neidisch würde.

Anna Netrebko dagegen wirkt überhaupt nicht wie eine Diva, wenn sie die ganze Zeit ihre Arme unter der Tischplatte versteckt, sich beim Sprechen in einer komischen Verrenkung dem Mikrofon entgegenbiegt. Natürlich sieht sie hinreißend aus mit tief ausgeschnittenem Oberteil, roten Pumps und knallengen Jeans – alles, wie immer, von ihrem Sponsor Escada. Fehlt vielleicht nur noch eine Flasche „Biolimo“ von Vöslauer. Für den österreichische Mineralwasserhersteller wirbt die Sopranistin gerade mit einem Fernsehspot, bei dem sie einen Tirilierwettbewerb mit einem Piepmatz gewinnt.

Halsbrecherische Koloraturen sind auch in Massenets Oper gefragt. Anna Netrebko spielt hier eine Art französischer Lolita, die von ihrer Familie sicherheitshalber in einem Kloster untergebracht werden soll. Natürlich brennt sie in letzter Minute mit einem Tenor durch und wird dann in Paris zum Star der High Society: „Nutzt eure Jugend“, singt sie in ihrer großen Arie, „schließlich seit ihr nicht ewig 20 Jahre jung!“

Regisseur der Produktion ist übrigens Vincent Paterson, der mit seiner „Cabaret“-Inszenierung für die „Bar jeder Vernunft“ schon einen Dauerbrenner in Berlin abgeliefert hat. Das RBB-Kulturradio überträgt die Premiere am 29. April live, der TV-Sender Arte strahlt „Manon“ am 9. Mai aus – und am 19. Mai gibt es - gratis, weil von BMW gesponsert – eine Live-Übertragung auf den Bebelplatz neben der Staatsoper: Anna für alle.

Die Vorstellungen in der Staatsoper sind ausverkauft

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