Berlin : Die SPD findet Gefallen an der Gemeinschaftsschule

Susanne Vieth-Entus

Das zentrale Thema für den bevorstehenden Berlin-Wahlkampf 2006 dürfte seit gestern feststehen: Einheitsschule – ja oder nein? Nachdem sich die SPD in Kiel im Koalitionsvertrag mit den Grünen auf die „Gemeinschaftsschule“ festgelegt hat, findet auch die Berliner SPD Gefallen am Modell des gemeinsamen Lernens über die Grundschule hinaus. Mehrere Anträge zu diesem Thema werden auf dem Bildungsparteitag am 9. April zur Abstimmung stehen.

Zur Wahl stehen unterschiedliche Modelle: Etwa eine Einheitsschule von Klasse 1 bis 13, wie sie bereits in Neukölln in der Fritz-Karsen- und der Walter-Gropius-Gesamtschule existiert. Ebenso könnte es sein, dass man die Grundschulen so belässt, wie sie sind, und dann alle Schüler nach der sechsten Klasse zu einem einzigen Typ „Oberschule“ wechseln. Die Differenzierung der Schüler könnte dann nach der 8. Klasse beginnen. Denkbar wäre sogar, dass alle bis zum Ende der neunten oder zehnten Klasse zusammenbleiben. Die künftigen Abiturienten würden dann nur noch zwei oder drei Jahre ranhängen, wie es in der DDR mit der „Erweiterten Oberschule“ der Fall war. „Noch ist alles offen“, sagt Peter Schuster, der als Sprecher des SPD-Fachausschusses „Stadt des Wissens“ zu den Autoren des Leitantrages für den Bildungsparteitag gehört. Gegenwehr von Seiten der Kultusministerkonferenz (KMK) erwartet er nicht: Schließlich akzeptiere die KMK auch bisher schon das Berliner Gesamtschulabitur.

In der SPD wird seit der Pisa-Debatte immer wieder über die Einführung einer Einheitsschule diskutiert. Bisher hatten sich aber stets die Gegner durchgesetzt; sie befürchten, dass eine derart radikale Umstrukturierung des Systems alle anderen Reformen zur Qualitätsverbesserung überlagern würde. Zu ihnen gehört nicht nur Bildungssenator Klaus Böger, sondern auch „Pisa-Papst“ Jürgen Baumert. Da sie zunächst die Oberhand behielten, wurde die „Einheitsschule“ im neuen Schulgesetz ausgeklammert – trotz gegenteiliger Bestrebungen der PDS.

Dass das Thema jetzt erneut zur Debatte steht, begründet der SPD-Schulpolitiker Karl-Heinz Nolte damit, dass Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) die Gesamtschuldebatte neu ins Spiel gebracht habe. Auch das Signal aus Kiel sei nicht unwichtig. Ihm selbst wäre es allerdings lieber, wenn das Gymnasium als Schulform erhalten bliebe: Wo sonst solle die „Elitenbildung“ stattfinden, fragt er. Nolte plädiert dafür, nach Brandenburger Vorbild ein Zwei-Säulen-Modell einzuführen mit dem Gymnasium für die leistungsfähigeren Schüler und einer kombinierten Haupt-/Realschule als Alternative.

Die CDU warnte gestern davor, dass die SPD ein „leistungsfeindliches“ System anstrebe. Die Pisa-Studie habe gezeigt, dass zwar kleine Einheitsschulen in Finnland und Kanada gute Ergebnisse erzielen können, aber unter anderen Verhältnissen als im „verstädterten Deutschland“, sagt Bildungsfachmann Gerhard Schmid. So habe Finnland nur zwei Prozent ausländische Kinder, die zudem nur eingeschult würden, wenn sie ausreichende Finnisch-Kenntnisse hätten. Die FDP will ebenfalls nichts von einer neuen Gesamtschuldebatte wissen. Die Unterstützung der Grünen wäre Berlins Sozialdemokraten allerdings sicher, wenn sie sich auf eine Einheitsschule festlegen würden.

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