Berlin : Die SPD-Fraktion steht - komme wer will

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Michael Müller hat einen Wunsch. Er möchte nicht immer als derjenige gesehen werden, der bloß tut, was der Regierende Bürgermeister sagt. Der SPD-Fraktionschef hat den Ehrgeiz, eine einträchtige, aber selbstbewusste Fraktion zu führen - ganz wie sein Vorgänger Klaus Wowereit. Klar, ohne Führungskunst kann man niemandem die Stimmen zuführen, die für die Regierungskunst gebraucht werden. Seit gerade vier Monaten ist der 37-jährige Wowereit-Intimus Fraktionschef. Er wird es bleiben.

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Unspektakulär verlief die konstituierende Sitzung der neuen SPD-Fraktion. Appell zur Geschlossenheit, kurze Unterrichtung über die Sondierungen mit den Grünen, der FDP und der PDS, bloß keine Debatte über die schwierige Partnerwahl - nach einer Stunde war alles vorbei. Disziplin ist alles, erst recht bei einer hauchdünnen Mehrheit, mit der eine Ampel regieren müsste.

Am Dienstag wird der neue Fraktionsvorstand gewählt. Müller ist die Wiederwahl sicher, weit und breit keine Konkurrenz. Als hauptamtlicher Fraktionsgeschäftsführer steht der bisherige Stellvertreter und Müller-Freund Christian Gaebler (37) zur Wahl. Seine Vorgängerin Petra Merkel ist nicht mehr Abgeordnete. Gaebler ist SPD-Kreisfürst in Charlottenburg-Wilmersdorf und gehört zur Parlamentarischen Linken, die von sich behauptet, sie sei nun stärker geworden. Aber das besagt nicht sehr viel. Pragmatismus ist das Zauberwort. Rechte und Linke haben noch Spaß am Gruppenspiel, aber sie betreiben es nicht mehr verbissen. Gewiss ist die Linke eher für das Bündnis mit der PDS als für die Ampel, um deren Stabilität auch andere fürchten. Rechte und Ost-Abgeordnete wehren sich trotzdem gegen die Beteiligung der PDS. Den Schritt aus der Großen Koalition mit Hilfe der PDS fanden sie akzeptabel, weil er anders unmöglich gewesen wäre; eine Koalition mit der PDS sei etwas anderes. Die drei, die im Juni gegen den Machtwechsel waren, gehören dem Parlament nicht mehr an.

Von den vier Stellvertretern Müllers wird nur einer mit Sicherheit wiedergewählt: Der Schulpolitiker Karl-Heinz Nolte, ein Wessi aus Köpenick-Treptow, von dem es heißt, er passe auf Linke und PDS-Freunde auf "wie ein Schießhund". Für die anderen drei Plätze treten mindestens fünf Frauen an: die Haushaltspolitikerin Hella Dunger-Löper, Anja-Beate Hertel, die Sportpolitikerin Karin Seidel-Kalmutzki, Dilek Kolat und Iris Spranger. Die bisherige Stellvertreterin Kirsten Flesch gilt als chancenlos.

Mit 44 Abgeordneten, zwei mehr als bisher, ist die SPD stärkste Fraktion im insgesamt 141 Köpfe starken Parlament. Aber nur noch elf sind aus dem Osten. Stark ist die Frauenriege mit 21, ebenfalls zwei mehr als bisher. Verjüngt hat sich die Fraktion auch. Zwei (Frauen) sind unter 30, acht unter 40. Senior ist Jürgen Radebold (65). Und noch ein kleiner Rekord: Mit der ehrgeizigen, eloquenten Versicherungsmathematikerin Dilek Kolat und der Reisebürokauffrau Ülkan Radziwill hat die SPD erstmals zwei aus der Türkei stammende Abgeordnete.

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