• Die Spitzenkandidatin Renate Künast konnte den Abwärtstrend der Grünen nicht aufhalten

Berlin : Die Spitzenkandidatin Renate Künast konnte den Abwärtstrend der Grünen nicht aufhalten

Axel Bahr

Gegen den Trend abschneiden, das Niveau um die 13 Prozent halten - das hatten sich die Grünen und ganz vorneweg Spitzenkandidatin Renate Künast vorgenommen. "Berlin ist anders" plakatierte die Partei fast trotzig, und es kam letztlich anders, als sich das Renate Künast und die Partei wünschten. Von 13,2 Prozent fallen die Grünen nach den Prognosen um drei Prozentpunkte, der Abstand zum Oppositionskonkurrenten PDS hat sich enorm vergrößert. Zehn Jahre ist es her, da reichten Prozente und Gemeinsamkeiten für 22 Monate Rot-Grün. Von neuen rot-grünen Regierungsträumen hatte sich Renate Künast schon vor einigen Wochen verabschiedet. "Ich kann rechnen", sagte sie seither unzählige Male in die Mikrofone. Eine starke Opposition war seitdem die Losung. Ab bei wie viel Prozent ist eine Partei eine starke Opposition?

Dabei hatte der Wahltag der Renate Künast trotz grauen Himmels und Nieselregens sehr farbenfroh begonnen. Eine Freundin schickte ihr per Blumenbote einen bunten Strauß, in dem Rot und Grün dominierten. Das munterte vor dem Gang in ihr Friedenauer Wahllokal auf. Für Punkt 12 Uhr war sie dort angekündigt. Wo Spitzenkandidaten wählen, ist das Blitzlichtgewitter nicht weit. Rituale der Mediengesellschaft, die auch Renate Künast über die Jahre verinnerlicht hat. Sie weiß, sich wirksam in Szene zu setzen, sie weiß, was sie für eine Schlagzeile von sich zu geben oder für ein großes Foto zu tun hat. "Ich bin Profi", sagt sie in der letzten Zeit ein wenig zu häufig von sich selbst. Nach dem Abstecher ins Wahllokal ging sie zur Mittagszeit Frühstücken und später ins Krankenhaus, um eine Freundin zu besuchen. Renate Künast fällt der Spagat zwischen Rampenlicht und Privatem nicht immer leicht. Kurz vor 17 Uhr war sie im Abgeordnetenhaus in der Fraktion.

Den Grünen stehen nun fünf weitere Jahre in der Opposition bevor. Eine Perspektive, die sie vor gut einem Jahr beim Jubel über den rot-grünen Wechsel im Bund nicht für möglich gehalten hatten. Renate Künast saß damals mit in der Verhandlungskommission, machte sich für einige Tage Hoffnungen auf das Justizministerium. Statt ihr kam die Berliner Spitzenkandidatin Andrea Fischer zu Ministerehren. Erstmals setzten die Berliner Grünen im Wahlkampf auf ein Stück Personenkult, kürten Renate Künast statt Michaele Schreyer zur Spitzenkandidatin. Schreyer erhielt den Ruf zur EU-Kommission, Frau Künast blieb vor Ort und blickte auf stetig sinkende Umfragen. Trotzig schrieb sie unter ihren Plakatkopf "Wen sonst". Immerhin kennen 62 Prozent der Berliner mittlerweile ihren Namen. Darauf ist sie stolz, ebenso auf das hartnäckige Gerücht, sie werde die nächste Vorstandssprecherin der Bundespartei. Fünf weitere Jahre in der Opposition sind keine Perspektive, die eine Ehrgeizige wie sie frohlocken lassen, der Job an der Spitze schon. Voraussetzung dafür ist die interne Parteireform, die Aufhebung der strikten Trennung von Amt und Mandat. Wenn Frau Künast auf die Bundesspitze angesprochen wird, sagt sie, sie werde in Berlin weiter Politik machen. So oder so. Der nächste Parteitag ist im März 2000. Bis dahin muss der Vater der Idee, Joschka Fischer, alles auf den Weg gebracht haben.

Nun muss sie erstmal das Ergebnis vom Sonntagabend verdauen. Vier Jahre haben die Grünen im Abgeordnetenhaus gegen die Allmacht der großen Koalition angearbeitet. Kaum einer, der ihre in vielen Bereichen hohe Sachkompetenz anzweifelt. Selbst beim politischen Gegner CDU werden einzelne Grüne heute hoch geachtet. Hätten die Protagonisten im Bund im ersten halben Jahr Rot-Grün eine bessere Vorstellung geliefert, die Berliner Grünen stünden heute besser da. Hätten. Renate Künast will sich mit Schuldzuweisungen zurückhalten. Es geht schließlich auch um ihre Perspektive. Sie will nach vorne blicken. Sie ist ja Profi.

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