• Die Spitzenküchen von einst sind ein wenig ins Abseits geraten - beim Offennbach wohl nur die Ausnahme

Berlin : Die Spitzenküchen von einst sind ein wenig ins Abseits geraten - beim Offennbach wohl nur die Ausnahme

Elisabeth Binder

Stubbenkammerstr. 8, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg, Telefon 445 85 02, geöffnet: täglich ab 18 Uhr, Kreditkarten: Euro, VisaElisabeth Binder

Herrscht denn wenigstens kulinarisch eine Gerechtigkeit auf der Welt? Wenn Sie gerade jetzt meinen Begleiter aus Blankenese fragen würden, bekämen Sie wahrscheinlich ein glattes Nein zur Antwort. Wir saßen nach vielen Jahren einmal wieder in den Offenbach-Stuben. Die gehörten schon zu DDR-Zeiten zu den wenigen Adressen, die man im Ostteil der Stadt ansteuern konnte, ohne sich gruseln zu müssen. Das mag daran gelegen haben, daß sie 1970 in Zusammenarbeit mit der Komischen Oper und dem Metropol-Theater gegründet worden sind und als eines von ganz wenigen privat betriebenen Lokalen den Sozialismus überdauert haben. Kurz nach der Wende waren die Offenbach-Stuben einer von zwei oder drei Tips, die man herumreichte, wenn es darum ging, ein auch fürs verwöhnte Wessievolk erlebbares Restaurant zu finden. Der Schlaraffenland-Boom, der derzeit in Mitte und Prenzlauer Berg herrscht, war ja damals noch nicht in Sicht.

Aber nun ist er da, alles schart sich in den glitzernden Neugründungen zusammen, und die Spitzenküchen von einst sind ein wenig ins Abseits geraten. "Treulose Berliner", sagte mein Begleiter mit Blick auf die vielen leeren Tische zwischen holzvertäfelten Wänden und reichlich mit Autogrammen geschmückten Karten. Francois Mitterrand war da, Evelyn Künnecke und Nero Brandenburg. Und nun? "Eine Ausnahme", beruhigte uns der ebenso stimm- wie wortgewaltige Kellner. Damals hatte man uns beim Reservierungsversuch noch gesagt, man hoffe, uns "separat plazieren" zu können. Diesmal hätte es fast zum Separée gereicht, denn der hintere von drei Räumen war an diesem Tag gar nicht besetzt.

Die Karte ist nicht sonderlich groß und nach wie vor aufs Regionale spezialisiert. Regional kann sehr hip sein, aber hier ist es wohl vor allem ein anderes Wort für deftig. Wie begannen mit gutem Brot und Schmalz zum ordentlichen offenen Sekt (7,50 DM). Statt der Weinbergschnecken wurde meinem Begleiter als Vorspeise ein Matjesteller aufgetragen, und da er gerade in der Stimmung war, freundlicher, loyaler und überhaupt netter sein zu wollen als die Berliner, kam kein Wort des Protestes über seine Lippen. Was auf seinem Teller lag, schmeckte auch ganz verständig deftig (13 DM). Das Kartoffelschaumsüppchen war weder frisch noch aufgeschäumt, es wirkte, im Gegenteil, streckenweise wie von den Mikrowellen boykottiert, aber dafür war das Miniwürstchen "Olympia" schön schmetterlingsmäßig aufgeschnitten (8 DM).

Die Berliner Kalbsleber mit Apfel- und Zwiebelringen und Kartoffelpüree kann man auch neugierigen Gästen der Stadt guten Gewissens vorsetzen, ein recht anständig ausgeführter Klassiker, geeignet, manches vorab gefaßte Urteil über die Stadt zu bestätigen. Das alles war ein bißchen fettig-mächtig, aber das Bühnenwerk ist ja auch harte Arbeit und insofern paßt dieser Ansatz womöglich ganz gut zu einem Theater-Lokal (25,50 DM).

Ganz platt und lustig war die halbe Ente, freundlich entbeint und sogar fast kross mit ölglänzenden ins Matschige tendierenden Kartoffelpuffern und Apfelrotkohl, der schlicht zu kalt war. Befand sich die Mikrowelle im Bummelstreik, oder gab es einen Stromausfall? Wenn man alles aufißt, muß man mindestens fünf Stunden hintereinander tanzen, um sich wieder leicht zu fühlen (29,50 DM). Während wir noch überlegten, mit welchen Offenbarungen die Dessertvariationen "Pariser Leben" aufwarten könnten, erläuterte der showversessene Oberkellner einem skandinavischen Paar am Nachbartisch, daß hier "nichts aus der Tiefkühltruhe" ist. Und dann warf er mir ein sehr lautes und sehr aufforderndes "Nicht wahr?" herüber.

"Warum nickst du nicht?" fragte mein immer noch auf seinem Treue-Kurs festgefahrener Begleiter. Nunja, ich hatte ganz einfach den Verdacht, daß von den Matjes mal abgesehen, alles aus der . . . Zum Schluß gab es in einem grandiosen Finale Irish Coffee nach Art der 70er Jahre zelebriert, ein Glas auf einem schmiedeeisernen Ständer, in dem unter ständigem Drehen brauner Zucker im Whisky aufgelöst wird (11,50 DM). Blankenese war richtig ein bißchen nostalgisch beeindruckt. Mir kam das etwas angestaubt vor. Vielleicht haben Männer doch ein ausgeprägteres Talent zur Treue.

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