Berlin : Die Sprache der Türken auf dem Weg in EU

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Passt die Türkei zur EU?“: Kaum eine Frage wird derzeit kontroverser diskutiert. Die Lektüre von türkischen Zeitungen kann zur Beantwortung dieser Frage zuweilen ganz hilfreich sein. In den Texten, Interviews und Leitartikeln geht es im Moment um kaum etwas anderes, als die Europäische Union. Dazu ein Beispiel aus der Tageszeitung Türkiye:

Bundeskanzler Gerhard Schröder und der französische Präsident Jacques Chirac hatten am Mittwoch vorgeschlagen, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei am 1. Juli 2005 zu beginnen, falls die Türkei bis dahin Fortschritte bei der Erfüllung der EU-Kriterien vorweisen kann. Dazu zählt auch die Lösung des Zypern-Problems, was im Klartext eine irgendwie geartete Vereinigung der seit 1974 geteilten Insel bedeutet. „Zypern und die EU-Bedingungen“, hieß daher die Überschrift des Leitartikels der Türkiye am Freitag. Darin nimmt der Kommentator eine dem Treffen vorangegangene Demonstration von jungen Zypern-Türken zum Anlass, seine persönliche Sicht der Dinge zu erläutern. „Die Zypern-Angelegenheit als Bedingung für einen Beginn von Verhandlungen zu nennen, ist entgegen den EU-Kriterien. Es gibt keinen Krieg auf Zypern, also brauchen keine Friedensverhandlungen geführt werden.“ Dazu muss gesagt werden, dass die Demonstranten von der türkischen Führung auf der Insel gefordert hatten, sie solle die EU-Vorschläge zur Wiedervereinigung der Insel akzeptieren. „Die (gemeint ist die EU) wollen eine der friedlichsten Ecken der Welt in ein Palästina verwandeln“, hielt der Kommentator dem entgegen. Gleichzeitig kritisierte er die Unabhängigkeit des südost-asiatischen Staates Ost-Timors, der 1975 von Indonesien annektiert wurde, und wo jetzt die verfolgte christliche Minderheit lebt. Der Kommentator befürwortet Unabhängigkeit nur, wenn es um Moslems geht.

Am Ende gab er den „10000 jungen Demonstranten“ eine Belehrung mit auf den Weg. „Sollten die Griechen wieder ein Massaker an den Insel-Türken verüben, wird die Türkei ihnen nicht helfen können. Der Plan des UN-Generalsekretärs Kofi Annan setzt dieses Recht außer Kraft.“ Er ließ daher keinen Zweifel daran, dass eine vereinte Insel für ihn nicht in Frage kommt. „Die Existenz der Türkischen Republik Zypern ist für die 70-Millionen-Nation Türkei eine Angelegenheit der Sicherheit“, schreibt er. Das soll heißen, dass die Türken in der Türkei besser um die Sicherheit der Inselbewohner wissen, als sie selbst. Nun könnte der Eindruck entstehen, die Tageszeitung Türkiye lehne einen Beitritt der Türkei in die EU ab, aber das Gegenteil ist der Fall. Die ganze Woche über berichtete das Blatt nach dem Motto: „Wir haben alles getan. Nun ist die EU dran.“

Nach der Lektüre dieses Leitartikels kann man die anfangs genannte Frage beantworten mit: noch nicht. Noch überwiegen die trennenden Aspekte.

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