Berlin : Die Spray-Athener

Die ersten Gräserpollen fliegen noch nicht, aber die Allergiemittel-Produktion läuft schon auf vollen Touren. 390 Flaschen Nasenspray pro Minute – wie geht das? Ein Fabrikbesuch in Spandau

Björn Rosen

Das Bild wirkt ein wenig wie aus einem Science-Fiction-Film. Frauen in weißen Schutzanzügen, mit Mundschutz und blauer Haube bewegen sich vorsichtig durch den hermetisch abgeschlossenen Raum, die Glasscheibe, durch die man hineinschauen kann, ist sehr dick. Hier in der Berliner Firma Dr. Mann Pharma wird Nasenspray hergestellt – unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Momentan herrscht die anstrengendste Zeit des Jahres: Die Produktion von Allergiemitteln läuft auf Hochtouren. Lange, bevor die ersten Gräserpollen fliegen, werden hier tonnenweise Heuschnupfenmedikamente zusammengemischt.

9000 Liter „Vividrin“, das es als Augentropfen und als Nasenspray gibt, produziert allein Dr. Mann Pharma jedes Jahr. Das reicht für fast eine Million Fläschchen. So wie bei anderen Firmen, etwa Hexal oder Stada, werden auch hier mehr als zwei Drittel der Allergie-Mittel zwischen Oktober und Februar hergestellt. Vor dem unscheinbaren, einstöckigen Werksgebäude in Spandau weht eisiger Wind, drinnen sind die Mitarbeiter schon im Frühling. „Im März lagern die Großhändler Allergie-Präparate fürs ganze Jahr ein“, sagt Britta Bär, die Herstellungsleiterin. „Erste Bestellungen kommen sogar schon im November.“

Die Herstellung von Vividrin läuft in vier streng von einander getrennten Hallen ab. Grundlage für alle Sprays oder Tropfen ist Wasser. So, wie es aus der Leitung kommt, kann es aber nicht für Medikamente verwendet werden. Zuerst muss man das Wasser deionisieren – es also von Ionen reinigen, von kleinsten elektrisch geladenen Molekülen, die andernfalls Reaktionen mit anderen Stoffen eingehen und die Mischung des Heuschnupfen-Medikaments insgesamt verändern könnten. Dafür wird das Wasser durch einen Filter gepresst. Die gereinigte Flüssigkeit wird anschließend in einem meterhohen Tank fünf Mal hintereinander auf mehr als 120 Grad Celsius erhitzt, dann wieder auf 80 Grad abgekühlt. Die Temperaturen und der hohe Druck töten jeden Keim.

Nun ist das Wasser steril. Über ein verzweigtes System dünner Rohre an der Decke fließt es in den nächsten Raum. Dort stehen ein Dutzend Metallkessel auf Rollen. Für Vividrin werden an einer Zapfstelle 960 Kilogramm Wasser in einen der bauchigen Kessel geleitet und mit 20 Kilo des Wirkstoffs Cromoglicinsäure sowie einigen anderen Substanzen vermengt, ähnlich wie in einem rotierenden Zementmischer, aber überwacht und gesteuert von einem Computer. Die Säure wirkt später im Körper gegen die Allergie. Cromoglicin beeinflusst Zellen des Immunsystems, die eine wichtige Rolle bei Allergien spielen. Sie heißen Mastzellen, und ihnen lagern Botenstoffe wie Histamin, die die Bronchien verkrampfen und die Schleimhäute in der Nase anschwellen lassen. Nimmt ein Allergiker einen Reiz war – Katzenhaare oder Gräserpollen –, dann geben die Mastzellen Histamin frei. Cromoglicin kann diesen Effekt abschwächen. Der Wirkstoff „dockt“ an die Mastzellen an und stabilisiert sie. Dadurch werden die Botenstoffe nicht so häufig und so schnell ausgeschüttet wie sonst.

Fünf bis sechs Stunden vergehen, ehe Wasser und Wirkstoff zu 1000 Litern Vividrin geworden sind. Menschliche Hilfe ist dabei schon noch nötig. Der Pharmakant Sinisa Rastic kümmert sich nicht nur darum, dass die Tanks vor dem Mischen sauber sind. Er ist auch für die richtige Zusammensetzung in den Tanks zuständig. Rastic sitzt in weißer Schutzkleidung vor einem Computer und wirft prüfende Blicke auf den Monitor. Daneben steht der Kessel auf einer quadratischen Bodenwaage. Der Computerbildschirm zeigt die Ergebnisse der Waage, zeigt, wie schwer der Kessel ist – und damit auch, wie viel Kilo Wasser und Wirkstoff sich in ihm befinden. Rastics Arbeit ist fast mit der eines Bäckers vergleichbar, nur, dass er sehr viel genauer arbeitet. Die Zutaten liefern andere Firmen.

Vor der Abfüllung rauscht das fertig gemischte Vividrin noch einmal durch einen handgroßen Filter, in dessen feiner Gitterstruktur sich auch kleinste Bakterien verfangen. Erst dann geht es weiter in den dritten Bereich, den Sterilraum. Hier herrschen die strengsten Vorschriften, weil die gemischte Flüssigkeit das geschlossene System von Tanks und Rohren verlässt und mit der Atmosphäre im Raum in Berührung kommt. Durch die Decke wird deshalb gereinigte Luft hereingepumpt. Hier arbeiten die Frauen in den weißen Schutzanzügen. Sie besprühen ein Förderband mit Desinfektionsmitteln. Auf dem Band ziehen kleine Plastikflaschen vorbei. Aus feinen Nadeln darüber zischen in jede von ihnen zehn Milliliter Vividrin aus einem 1000-Kilo-Tank. Rund 390 Flaschen werden pro Minute abgefüllt. Danach reisen die Flaschen auf dem Förderband durch eine kleine Öffnung in die vierte und letzte Halle, in der sie verpackt werden. Auch das erledigen größtenteils Maschinen. Sie sortieren die weißen Beipackzettel, falten Kartons, stecken die Flaschen hinein – bis ganz am Ende der Kette ein Mitarbeiter versiegelte Schachteln in einem Pappkarton stapeln kann.

Insgesamt dauert es rund 14 Stunden, bis aus einer Tonne Flüssigkeit etwa 100 000 verkaufsfertige Vividrin-Packungen geworden sind. Die werden dann in Lkws zu den Großhändlern gebracht und schließlich an die Apotheken ausgeliefert.

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