Berlin : Die Staatsbibliothek im Schnelldurchgang

Eine Fußgänger-Passage mitten durch das Bücherhaus soll Potsdamer Platz und Kulturforum näher zusammenrücken

Christian van Lessen

Noch fehlt ein ein wichtiger „Baustein“ im Daimler-Viertel am Potsdamer Platz. Obwohl der neue Stadtteil im Oktober schon fünf Jahre alt wird, gibt es zum Kummer seiner Erbauer noch immer keine direkte Fußgängerverbindung, die vom Marlene-Dietrich-Platz über die Neue Staatsbibliothek zum Kulturforum am Tiergartenrand führt. Dabei sieht das städtebauliche Konzept des Architekten Renzo Piano eine solche Verbindung vor. Dafür müsste die Staatsbibliothek auf ihrer Rückseite einen Eingang für Besucher und Passanten schaffen. Doch die Bibliothek lehnte bislang solche Pläne ab.

Daimler-Chrysler will jetzt nach Auskunft der Unternehmenssprecherin Ute Wüest von Vellberg einen neuen Vorstoß wagen und mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, der Staatsbibliothek und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über einen neuen Zugang sprechen. Man hofft, den „Durchbruch“ zu schaffen. Die Stabi wäre damit für ihre Besucher vom Potsdamer Platz schneller zu erreichen, und Passanten könnten den kurzen Weg zwischen dem neuen Stadtteil und dem Kulturforum nutzen.

Denn zwischen Musical-Theater und Spielbank klafft unter dem gemeinsamen Dach eine Lücke, die zum Durchgang einlädt. Renzo Piano, der Architekt der Häuser, hat diese Lücke im Einvernehmen mit der damaligen Stadtplanung bewusst für eine Passage ausgespart. Bislang aber endet der Weg für Fußgänger am Marlene-Dietrich-Platz vor den Mauern und Glasscheiben der Bücherburg, die auf der alten Trasse der Potsdamer Straße steht. Wie ein zusätzliches Bollwerk wirken zwei Findlinge, die den Weg zur Staatsbibliothek versperren.

Bisherige Vorstöße, die Stabi-Rückseite für Fußgänger zu öffnen, führten zu nichts. Die Staatsbibliothek lehnte einen Durchbruch ab, weil sie fürchtet, dass eine öffentliche Passage die Organisation des Hauses durcheinander bringt. Auch jetzt hat sie Bedenken. Das Haus gehört der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die vom Bund und den Ländern getragen wird. Dort hieß es, man wolle sich vor den in Kürze geplanten Gesprächen mit allen Beteiligten nicht äußern.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung befürwortet die hintere Öffnung des Hauses. Ungeklärt ist, wer im Fall einer Einigung die Umbaukosten übernimmt und ob die Passage auch abends und nachts geöffnet werden kann. Edgar Wisniewski, der mit Hans Scharoun die Staatsbibliothek entwarf, ließ Daimler-Chrysler wissen, er habe nichts gegen einen hinteren Zugang vom Marlene-Dietrich-Platz. Die Verbindung zwischen Potsdamer Platz und Kulturforum „sollte nicht als beziehungslose achsenartige Schneise, sondern als geistig-kulturelle Verklammerung gesehen werden“.

Wisniewski sprach von einem nicht einfachen Eingriff, man müsse eine Art Schleuse bauen und ein Großraumbüro zerteilen. Die Baukosten blieben voraussichtlich unter einer Million Euro. Der Architekt hat bereits Entwürfe vorbereitet. In einem Schreiben an Renzo Piano erinnerte Wisniewski daran, dass er bei der Konzeption der 1978 eröffneten Stabi den internen, nicht öffentlichen Bereich auf die Ostseite legte. Denn ursprünglich sollte dort, wo heute Spielbank und Musical-Theater stehen, die autobahnänliche „Westtangente“ vorbeiführen. Deshalb seien die Lesesäle zum westlichen Kulturforum orientiert worden. An einen neuen Stadtteil auf der Rückseite des Hauses war damals nicht zu denken.

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