• Die Stadt gehört den Sportlern Trotz Dauerregens kamen Zehntausende zum Umzug zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor

Berlin : Die Stadt gehört den Sportlern Trotz Dauerregens kamen Zehntausende zum Umzug zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor

Annette Kögel,Juliane Schäuble

Berlin hat in diesem Jahr zwar keine Love Parade – aber dafür eine Turn-Parade. Zum Auftakt des 1. Internationalen Deutschen Turnfestes zogen am Sonnabend trotz Dauerregens Sportler und Showgruppen, Spielmannszüge und Festwagen von der Siegessäule über die Straße des 17. Juni zum Brandenburger Tor. Dort eröffnete Bundespräsident Horst Köhler die siebentägige Veranstaltung dann am Abend offiziell: „Diese Stadt hat immer sehr viel Energie“, sagte er: „Aber in den nächsten Tagen bekommt sie noch mehr Schwung.“

Der Fahnenträger nahm’s allzu wörtlich und rutschte auf der nassen Bühne aus, als er das Banner des Turnfests übergeben wollte. Die Zuschauer, die bei strömenden Regen tapfer aushielten, reagierten sportlich und bedachten das kleine Missgeschick ebenso wie die Rede des Bundespräsidenten mit lauten Jubelrufen und langem Beifall. Dann übergab Wolfgang Tiefensee, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, in der 2002 das letzte deutsche Turnfest stattfand, die Fahne an Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.

Wowereit hatte sich bereits am Vormittag mit Sportfunktionären sowie Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu einem Festakt in der Philharmonie getroffen. „Wir freuen uns auf eine Woche voller Dynamik und wunderbarer Darbietungen – beim ersten Turnfest im wiedervereinten Berlin“, sagte er.

Auch der Festumzug mit 5000 Teilnehmern und Zehntausenden Zuschauern war eine Premiere. Die Straße des 17. Juni wurde am Nachmittag zu einem fröhlichen Laufsteg des Sports – auf regennassem Asphalt. „Seit 16 Uhr sind wir hier. Wir frieren zwar und haben Hunger, aber die Eröffnungsfeier nachher lassen wir uns nicht entgehen“, sagte Melany Kröger. Die Sechzehnjährige und ihre Freundinnen vom SV Warnemünde wurden immerhin von Regenschirmen geschützt. Dafür hatten die Fahnenträger der Landesturnverbände keine Hand frei. „Aber die Stimmung bei uns ist gut, wir Turner lassen uns nicht unterkriegen“, sagte Jan-Gerd Werdehausen vom TV Bad Säckingen.

Vier Stunden lang trotzten Bayern und Hambuger, Sachsen und Saarländer tanzend und singend dem nasskalten Wetter. Berliner und Brandenburger führten den Zug an, die Hessen mit Frankfurt als Ausrichter des nächsten Turnfestes waren Schlusslicht. Dazwischen mehrere Cabrios, deren Insassen wie Turnfestbotschafter Andreas Wecker oder Turnfestmaskottchen „Bärlinchen“ sich eigentlich auf eine Schönwettertour gefreut hatten.

Zwischen Rad schlagenden Schwäbinnen, springenden Löwen und Schokolade verteilenden Piraten aus Neumünster, rollten vier große Themenwagen in Richtung Brandenburger Tor. Sie hießen „Freiräume“ und „Health Angels“, „Tarzanschrei“ und „Obstkorb“. Auch hier zeigten die Sportler schon mal, was sie können: Am Barren, beim Trendsport Nordic Walking und beim Kinderturnen.

Die Mannschaft vom badischen TV Urloffen hatte schon die ganze Nacht vorgefeiert. „Wir sind mit dem Sonderzug von Offenburg in einem Partywagen gekommen“, sagte Peter Leible. Der 17-Jährige tritt in den kommenden Tagen beim Trampolinspringen, Tauchen und Kugelstoßen an. Seine Mitturnerinnen Isabell Schüssler und Cathrin Frank freuen sich vor allem auf die Turnerjugend-Party, jetzt, wo es keine Love Parade mehr gibt. Die Urloffener in Schwarz-Rot waren vor der Turnerparade auf dem Schlossplatz. Dort gibt es jeden Tag Musik und Show und Sport zum Mitmachen, und jede Menge Souvenirs. Das Turnfest-T-Shirt ab zehn Euro, das Maskottchen ab vier Euro sowie die obligatorischen Käppis und Schlüsselbänder. Außerdem holen sich viele der 100 000 Sportler ihr Spezialgeschirr ab: Bei der Anmeldung konnte man Teller, Tasse und Besteck mit Turnfest-Logo gleich mit bestellen.

Auch die Organisatoren waren am Eröffnungstag vielfach im Laufschritt unterwegs. Wie in der Schaltzentrale in der Deutschlandhalle, hier takteten Mitarbeiterinnen am Telefon die letzten der mehr als 5000 ehrenamtlichen Helfer für Tages- oder Nachtschichten in den Übernachtungsstätten ein. Auch Rainer Both steht schon der Schweiß auf der Stirn. Der Mittvierziger ist arbeitslos, „und weil ich viel Erfahrung habe mit Großeinsätzen beim Sanitätsdienst, habe ich mich als Freiwilliger für den Fahrdienst gemeldet“, erzählt er. Und besorgt noch schnell die Aufkleber für den Wagen vom Turnfestsponsor Mercedes-Benz. Über eintausend Wettkämpfe und Veranstaltungen hat die Stadt nun bis einschließlich Freitag vor sich.

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