Die Stadt im Buch : Alexander Krex trifft die Berliner

39 aus 3,3 Millionen: Der Journalist Alexander Krex hat ein Buch über Berliner geschrieben, die für das Leben in der Stadt stehen. Die Recherche war nicht immer ganz einfach. Manchmal musste er zum Jäger werden.

Karoline Kuhla
Mittendrin. Alexander Krex hat keine Angst vor Menschen – für seine 39 Porträts von Berlinern hat er etwa die vierfache Zahl angesprochen.
Mittendrin. Alexander Krex hat keine Angst vor Menschen – für seine 39 Porträts von Berlinern hat er etwa die vierfache Zahl...Foto: Björn Kietzmann

„Hier kommen einfach alle her: Die Alten, die Junkies, die Studenten, die Türken. Woanders hat man nur die einen oder die anderen.“ Fasziniert blickt sich Alexander Krex um. Er steht an einem verkrümelten Stehtisch im Eingang des Supermarkts am Kottbusser Tor. Draußen das nervtötende Geräusch einer Säge, die Pflastersteine zerteilt. „Baustelle ist hier eigentlich immer. Und die Tür da nebenan, das ist direkt der Eingang zu einem Club!“ Der 31-jährige Krex, Journalist, hat gerade sein erstes Buch veröffentlicht. Darin: 39 Porträts von Menschen, die in Berlin leben und arbeiten. Sie alle könnten hier einkaufen. Deswegen ist die soziale Mischung rund um den Supermarkt auch genau nach Krex’ Geschmack. Berlin pur.

„3,345108 Millionen Berliner, von denen einige hier erzählen, wer sie sind, wie sie leben und was das alles soll“, heißt sein Buch. Ein knackiger Titel sieht anders aus. Es sei wahnsinnig schwer gewesen, sagt Krex, aber etwas mit „Stadt“, das könne man auch auf einen Jutebeutel drucken.“ Der Titel ist nicht gerade Google-handlich, aber passend: Denn auf den 295 Seiten werden nur einige der vielfältigen Lebensentwürfe angedeutet, die in und durch eine Stadt wie Berlin möglich sind.

Den Maler, die Bardame, die DJ-Vermittlerin, den Spätiverkäufer, den Missionar, den Förster: Krex hat sie zu Wort kommen lassen, sie in ihrem Alltag begleitet, porträtiert. Einige hat er sich gezielt gesucht – ein Taxifahrer und eine Polizistin mussten sein. Andere hat er einfach angesprochen, wie Anton, mit dem das Buch beginnt.

An der Spree joggend hat Krex ihn getroffen. „Längst kein Junge mehr, nicht mal mehr ein junger Mann, aber er sieht wie jemand aus, der immer noch damit hadert, dass er einfach so in diese Welt gespuckt wurde“, heißt es im Buch. Außer einem kurzen Plausch ist aus Anton nicht viel herauszuholen, er notiert sich Krex’ Nummer, ruft aber nicht zurück. „Nur ungefähr jeder Vierte, den ich gefragt habe, wollte mit mir reden“, erzählt der Autor. Häufig wurde er zum spontanen Jäger, Berührungsängste sind da fehl am Platz.

Eine halbe Stunde zuvor am Kotti, hinter Krex einer der riesigen Bauten: Für das Foto stellt er sich mitten auf die Adalbertstraße. Breitbeinig locker, Hände in den Taschen, Haare verwuschelt im Jude-Law-Stil. Autos und Motorräder rauschen heran und vorbei, Krex schaut nur auf die Kamera, fragende Blicke der Passanten – wer ist dieser Mann?

Auf jeden Fall einer, der auf Bildern ernster wirkt als in Person. Am Stehtisch im Supermarkt, vor sich Teebecher und Kirschplunder, lacht er immer wieder auf. „Es ist kein Buch über Berlin, sondern eins aus Berlin“, sagt er. Was soll das heißen? Krex denkt nach, blickt in die Ferne, seine Finger trommeln auf dem Tisch. „Bei einem Buch über Berlin ist alles Metaebene. Ich zeige Berlin aus sich selbst heraus“, sagt er dann.

In der Stadt kennt sich Krex aus: 1982 hier geboren, in Prenzlauer Berg und Neukölln aufgewachsen, Zivi am Urbankrankenhaus, Student an der Humboldt-Uni, wohnt er heute nahe der Gneisenaustraße in Kreuzberg. Hätte er ein solches Buch auch in München schreiben können, wo er für einige Zeit gewohnt hat? „Es wäre weniger intuitiv geworden als dieses Buch. Manche Gespräche konnte ich nur am Laufen halten, weil ich Vorwissen über Berlin hatte“, sagt er, „mit manchen Leuten habe ich berlinert, bin ganz automatisch reingerutscht.“

Auch dem „Q-Dorf“-Geschäftsführer, dem Bewährungshelfer, dem Hertha-Fan, dem Bademeister und dem Fahrlehrer hat Krex jeweils mehrere Seiten gewidmet. Durch seine Beschreibungen werden sie zu den guten Bekannten Torsten und Jürgen, Burkhard, Axel und Stephan.

Am morgigen Montag stellt Krex einige seiner Protagonisten vor. Dürfte er es sich aussuchen, würde Schauspieler Tom Schilling seine Geschichten lesen: „Eigentlich schreibe ich ja, damit ich nicht…“, Krex verstummt. Dann setzt er neu an: „Meine Bühne ist eigentlich das hier“, und klopft mit dem Fingerknöchel auf sein Buch. Doch an diesem Abend in Prenzlauer Berg wird der Autor trotzdem selbst lesen. Vor Menschen, die genauso in sein Buch gepasst hätten wie Ingrid, Christian, Ingo oder Katharina. Denn bei 3, 345108 Millionen Berlinern minus 39 Porträtierten bleiben immer noch genügend zum Zuhören übrig.

Montag, 28. Oktober, um 20.30 Uhr, Buchhandlung Uslar & Rai, Schönhauser Allee 43 in Prenzlauer Berg. Der Eintritt kostet 7 Euro.

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