Berlin : Die Stadt in der Stadt

Lothar Heinke

Wenn Rainer Boldt aus dem Fenster seiner Arbeitsstätte Dresdner Bank blickt, schaut er der Stadt in die gute Stube. Pariser Platz mit Adlon und Brandenburger Tor, mit der gläsernen Akademie der Künste, dem Haus Liebermann und der künftigen US-Botschaft. Das Ensemble, findet er, wirke wie ein goldener Lorbeerkranz über einem Bezirk, der wie für Touristen gemacht ist.

Das kommt so selbstverständlich wie selbstbewusst: Der Direktor für Großkundenbetreuung ist seit 14 Jahren Vorsitzender der Interessengemeinschaft Gewerbetreibender an der Friedrichstraße, ein umtriebiger Mensch, immer bereit, Kontakte zu knüpfen. Einer, der in Gummistiefeln durch die Baugruben der Friedrichstadtpassagen schlidderte und denen zuprostete, die bald nach der Wende als Erste auf dem großen City-Bauplatz zwischen Checkpoint Charlie und Tränenpalast mutig Geschäfte eröffnet und Neues gewagt haben. Er hat sein Herz an die Mitte von Mitte verloren. Er hat ein Recht auf Kritik erworben.

Das Lob überwiegt natürlich. „Besonders in Mitte ist zu spüren, dass Berlin Hauptstadt geworden ist“, sagt Boldt. Er spricht vom „tollen Gemisch, dem besonderen, auch politischen Flair“. Das spürt er, wenn er beispielsweise mittags über die Friedrichstraße geht, dort immer wieder auf Bundestagsabgeordnete, Botschafter, „Entscheidungsträger“ stößt und sich über die vielen Touristen freut. Dabei war die Straße vor der Wende eine der dunkelsten Berlins. Die Wandlung verblüfft ihn noch immer. Mitte, sagt er, „ist die Stadt in der Stadt, und die Friedrichstraße ihr Aushängeschild“. Er ist stolz auf sie, auf den Bezirk, auf das, was hier passiert ist. „Mitte ist der spannendste Bezirk Berlins. Weil sich hier was bewegt.“ Boldt kann es kaum erwarten, dass die letzten Baulücken geschlossen werden. Auch die problematischen Teile des Bezirks, etwa der Beusselkiez oder Gesundbrunnen, profitierten von der Ausstrahlungskraft der neuen Mitte. Ob das Schloss wieder aufgebaut wird? Ihm kommt es vor allem auf eine vernünftige Nutzung an. Manches in Mitte ärgert Boldt. Der Teil der Wilhelmstraße etwa, der an der Britischen Botschaft entlangführt. Er wurde aus Sicherheitsgründen für den Verkehr gesperrt und „in einem Akt übertriebenen Gehorsams“ als Straße entwidmet. „Damit wurde der Mitte eine wichtige Verkehrsader geraubt.“ Ganz aktuell nervt ihn der bis an die Straße reichende Bauplatz an der Kreuzung Linden/Friedrichstraße,wo ein Münchner Investor seinen Häuserkomplex errichtet.

Den Weiterbau der U-Bahnlinie 5 vom Alex zum Hauptbahnhof – die Linden entlang – hält er für überflüssig. Der Bezirk sollte Ruhe vor solchen Bauarbeiten haben. Sie hingen wie ein Damoklesschwert über Mitte. Die Kosten seien zudem „absolut schöngerechnet“. Um bürgernäher zu werden, sollte das Bezirksamt, meint Rainer Boldt, ein Call-Center, ein Bürgertelefon einrichten, als Adresse für Kiez-Probleme und Vorschläge. „Da könnte doch die Telekom mit einsteigen.“ Sagt’s – und hat schon einen Grund, neue Fäden zu knüpfen.

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