Berlin : Die Stadt ist gespalten

23. April: Während Hitler letzte Angriffspläne schmiedet, beginnt im östlichen Berlin schon die Nachkriegszeit

Richard Lakowski

An diesem Tage ist Berlin zweigeteilt. In den östlichen Gebieten, den von den Siegern eingenommenen Stadtbezirken, beginnt die Nachkriegszeit. Die NS-Herrschaft hat hier ihr Ende gefunden. Die neue Zeit beginnt mit einer Vielzahl von Vergewaltigungen, Ausschreitungen und Übergriffen durch Soldaten der Roten Armee. Dennoch: Wer überlebt hat, kann auf eine Zukunft hoffen. Andere, die aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterleben wollten, wählen den Freitod. In ganz Berlin werden im April 1945 fast 4000 Suizide offiziell registriert – im Monat zuvor lag die Zahl bei knapp 240.

Auf der westlichen Seite, regieren weiterhin Hitler und seine Paladine. Dazwischen die Front, sie verläuft in Tegel, Humboldthain, von der Wollankstraße bis zum S-Bahnhof Schönhauser Allee, am Friedrichshain, entlang dem S-Bahnring vom Bahnhof Landsberger Allee und Frankfurter Allee bis zum Teltow-Kanal.

Am 23. April stiegen sogar kurzzeitig die Hoffnungen im Bunker der Reichskanzlei. Es war Generalfeldmarschall Keitel, Generaloberst Jodel und General Krebs am Vorabend gelungen, Hitler davon zu überzeugen, dass noch Möglichkeiten bestünden, die Lage zu stabilisieren. Zu ihren Argumenten gehörte der Befehl an den General der Waffen-SS Steiner, bei Oranienburg zu einem Gegenangriff anzutreten und die im Norden drohende Umfassung Berlins zu verhindern. Die 9. Armee unter General Busse und die 12. Armee unter Generalleutnant Wenck, bekamen den Auftrag, den südlichen Umfassungsstoß der Roten Armee abzuwehren. Wencks 12. Armee, ursprünglich zum Einsatz gegen die Westalliierten aufgestellt, bestand aus den jüngsten Jahrgängen, die zur Wehrmacht gezogen wurden.

Die Offiziere, Busse und Wenck, waren sich ebenso wie Steiner über die Undurchführbarkeit der Aufträge im Klaren. Keiner widersetzte sich jedoch offen. Steiners weitgehend improvisiert und halbherzig am 22./23. vorgetragener Angriff bricht nach wenigen Stunden zusammen. Busse nutzt den Befehl dazu, die Reste seiner Armee von der Oder zurückzunehmen, um sie sozusagen mit dem Einverständnis des Obersten Befehlshabers für einen Angriff bereitzustellen. Dass sein Ziel der Durchbruch zur Elbe ist, um sich den Amerikanern zu ergeben, sagt er nicht. Wenck schließlich sieht als seine Aufgabe, den Resten der 9. Armee entgegenzugehen und mit ihnen in die Gefangenschaft der US-Truppen zu marschieren. Den Aufbau einer stabilen Front südlich von Berlin konnte der erfahrene Offizier nicht ernsthaft in Erwägung ziehen.

Als folgenschwerer für die Schlacht in der Stadt als die irrealen Operationspläne aus dem Bunker der Reichskanzlei, erweist sich ein eher zufälliges Ereignis. Südostwärts von Berlin bemüht sich General Weidling befehlsgemäß, sein Korps westlich von Königswusterhausen zur 9. Armee zu führen. Das wird Hitler übermittelt, der darin Feigheit und den Versuch des Generals, sich „abzusetzen“ sieht. Weidling, zu Hitler in den Bunker befohlen, kann diesen vom Gegenteil überzeugen und erhält nun seinerseits den Befehl, mit den Resten des von ihm befehligten LVI. Panzerkorps, Berlin zu verteidigen. Das Korps besteht zu diesem Zeitpunkt aus vier Divisionen, vermutlich noch insgesamt etwa 15000 Mann.

Weidling, zum Stadtkommandanten ernannt, ist es unmöglich, den Ausgang der Schlacht um Berlin zu beeinflussen, doch wird er, wie sich erweisen soll, ihre Dauer verlängern. Je weiter die sowjetischen Truppen vorrücken, desto schwieriger und verlustreicher wird das Eindringen in die deutsche Verteidigung – für beide Seiten ein folgenschweres Ereignis.

Richard Lakowski (66) ist Militärhistoriker und lebt in Erkner.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben