• Die Stadt ist jetzt Anziehungspunkt für Junge und Kreative, Reiche und Schöne (Leitartikel)

Berlin : Die Stadt ist jetzt Anziehungspunkt für Junge und Kreative, Reiche und Schöne (Leitartikel)

Elisabeth Binder

In den vergangenen Wochen hat sich vieles erfüllt, was so häufig beschworen, so oft erfleht, so heftig gefordert wurde: Berlin ist eine Stadt geworden, auf die die Welt schaut. Sie strahlt eine magnetische Wirkung aus.

Es sind nicht nur die lang besungenen Bonner gekommen, und es sind auch nicht nur die Abgeordneten und Beamten, sondern es sind Botschaften aus der ganzen Welt hierhergezogen mit ihren Angestellten, die die Stadt noch kosmopolitischer machen. Von überall her treffen außerdem die Jungen und die Schönen, die Kreativen und die Klugen, die Reichen und die Glitzrigen ein. Wer immer in diesem Land sich zur Schau stellen, etwas Neues initiieren oder auch nur eine Party geben möchte - er kommt nach Berlin. Und auch als Debütantin auf dem internationalen Parkett entwickelt die Stadt eine beträchtliche Anziehungskraft, zum Beispiel auf große ausländische Unternehmen, die ihre Incentive-Veranstaltungen inzwischen gern hierher verlegen.

Der Kick, auf den man immer gewartet hat in den Tagen der Euphorie nach dem Mauerfall wie in den Stimmungstälern danach, jetzt ist er da. Die Stadt ist darüber ein bisschen außer Atem geraten. Obwohl ihre Alteinwohner selbst das oft nicht sehen wollen, egal, ob sie dereinst im Ost- oder im Westteil der Stadt auf bessere Zeiten gewartet haben. Das hat zu tun mit einem für die hiesige Mentalität typischen Schutzmechanismus, mit einem gesunden Hang dazu, auf dem Teppich zu bleiben.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Berlin hat seine entscheidenden Adrenalinschübe immer dann bekommen, wenn sich die Gesellschaft neu zusammenwürfelte. Man denke nur an die Hugenotten. Ohne Zuwanderer wäre diese Stadt nie das geworden, was sie ist: ein wirklicher Schmelztiegel. Viele Neu-Berliner sind überrascht, wie offen die Gesellschaft hier ist, wie schnell man dazwischen kommt, wie wenig Zeit bei all dem Trubel bleibt, Heimweh zu entwickeln. Das ist einerseits gut, andererseits hat es unübersehbare Folgen. Eine offene Gesellschaft kann nie wirklich fein werden, weil zum Feinsein Abschottung gehört. Dafür fördert sie Toleranz und Offenheit, denn es gibt wenig Orte auf der Welt mit so vielen Gelegenheiten, Menschen unterschiedlichster Interessenlagen in einem lockeren Rahmen zusammenzuführen. Die Gefahr liegt allerdings immer in einer gewissen Selbstvergessenheit und daraus folgender Einschränkung des Horizonts.

Schon jetzt provozieren die glanzvollen Bilder der neuen Gesellschaft und ihrer Ereignisse Stirnrunzeln in den alten Bundesländern, wo man natürlich nicht vergessen hat, wie lange der Westteil der Stadt subventioniert werden musste, bis es schließlich zu einem glücklichen Happy Ending kam. In den neuen Bundesländern mag sich mancher nicht weniger stirnrunzelnd an die einstige Bevorzugung der Hauptstadt der DDR erinnert fühlen.

Bleibt also die Frage, wie man von diesem Abschnitt einst sprechen wird, wenn der zeitliche Abstand seine Wirkung voll entfalten kann. Wird man sich in stolzer Nostalgie erinnern, wie an einen Aufbruch in eine bessere Zeit oder in Wehmut, wie an eine verpaßte Chance?

Vielleicht wird sich der manchmal gerühmte, aber mehr noch gescholtene Berliner Hang zur Skepsis, zu einer etwas grimmigen Art, die Welt zu betrachten, noch als sehr nützlich erweisen. Genau der könnte das Gegengift sein gegen falschen Hochmut oder ungute Triumphgefühle, könnte dazu beitragen, dass die Stadt, die so viel Solidarität in schwierigen Zeiten erfahren hat, am Ende nicht als alles verschlingender Moloch da steht.

Freude ist bei aller Notwendigkeit zu einer gewissen Demut aber doch erlaubt. So müssen die legendären 20er Jahre gewesen sein, wenn überhaupt so. Diese rauschhafte Periode von Festen und Bällen, von Partys und Premieren, von Salons und Podien, auf denen die Metropole ihr Vorzeige-Gesicht findet und Alteingesessene aus Ost und West und ein neues, internationales, junges Publikum sich mischen, steht ganz gewiss am Beginn einer Mythenbildung.

Vielleicht hat ja eine geheimnisvolle Ahnung von all diesem den Durchhaltewillen der Berliner bestärkt. Den Durchhaltewillen, den sie in den Stunden der Angst und des Trennungsschmerzes während des Kalten Krieges gebraucht haben. Künftig, in ein paar Stunden, in einem anderen Jahrhundert sind andere Tugenden gefragt: Stil, Tempo - und mehr Zukunftsfreude denn je.

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