Berlin : Die Stadt läuft rund

Weltmeisterliche Verkehrsbilanz: Kaum Staus, kein Ärger mit Fans, volle Radplätze und leere Sonderzüge

Stefan Jacobs

Viel Lob und viel Eigenlob war am Tag nach dem ersten Berliner WM-Spiel zu hören. Die S-Bahn, die ausgerechnet wenige Stunden vor dem Anpfiff wegen eines Unfalls in Biesdorf mehrere Züge stoppen musste, brachte dann doch noch alle Fans pünktlich zum Olympiastadion. Für die BVG lief der Tag sogar „erstaunlich gut“, wie Sprecherin Petra Reetz sagte. Die BVG hatte 21 Sonderzüge auf der Linie U2 eingesetzt, und die kurzzeitigen abendlichen Sperrungen von John-Foster-Dulles-Allee und am Wittenbergplatz hätten auch kein Chaos nach sich gezogen.

Das Verkehrskonzept schien aufgegangen zu sein, vor allem im Innenstadtbereich: Damit die Busse schneller vorankommen, ist die Geltungsdauer vieler Busspuren bis Mitternacht verlängert worden, etwa auf Potsdamer, Budapester, Gertrauden- und Leipziger Straße sowie An der Urania. Am Spandauer Damm haben Busse bis 21 Uhr Vorfahrt, auf dem westlichen Ku’damm sogar rund um die Uhr. Nach Ende der WM sollen wieder die alten Zeiten gelten.

Insgesamt habe die BVG rund um die WM überhaupt keinen Ärger – im Gegenteil: Busfahrer seien begeistert von der Freundlichkeit der Leute, und die U-Bahnzüge hätten die Touren mit den tausenden Fans allesamt unbeschadet überstanden, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Autofahrer haben zwar rund um die Fanmeile kaum eine Chance auf einen Parkplatz und ärgern sich wegen veränderter Ampelschaltungen über manche rote Welle, aber das vom ADAC prophezeite Verkehrschaos ist ausgefallen. Die Polizei moniert, dass am Dienstagabend rund ums Olympiastadion kreuz und quer geparkt wurde, während die per Shuttlebus erreichbaren Plätze am Messedamm vielfach leer geblieben seien.

Nahezu leer sind die Züge, die als S21 alle 20 Minuten durch den Nord-Süd-Tunnel pendeln. Oft sitzen in den aus München geborgten Zügen keine zehn Menschen. Dabei ist das Angebot – zum Kurzstreckentarif vom Südkreuz über Potsdamer Platz und Hauptbahnhof bis Gesundbrunnen – attraktiv. Es wisse nur kaum jemand, sagt ein Lokführer.

Deutlich schneller hat sich das vom Senat geförderte Angebot der kostenlosen bewachten Fahrradparkplätze herumgesprochen. Der Durchbruch kam am Dienstag, nachdem der Tipp über den Verkehrsfunk lief: 765 Fahrräder seien an den vier Standorten – Großer Stern, Kulturforum, John-Foster-Dulles-Allee und Olympiastadion – geparkt worden; dreimal so viele wie beim Start am Freitag.

Die Plätze sind Teil einer Kampagne (www.berlin-steigt-um.de), mit der die Verwaltung den Radverkehr zur WM fördern wollte. Umso ärgerlicher, dass viele Alltagsradler auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr durch den Tiergarten kommen: Vormittags vor Öffnung der Fanmeile lassen die Ordner niemanden durch, was weite Umwege auf vollen Hauptstraßen bedeutet. „Wir machen das nicht aus Willkür, sondern im Interesse der Sicherheit“, heißt es beim Veranstalter. Und Velotaxis dürften grundsätzlich nicht auf die Fanmeile, beklagte sich gestern einer der Fahrer, die vor dem Brandenburger Tor warteten.

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