Berlin : Die Star-Sitterin

June Galgey betreut die prominentesten Gäste der Berlinale – vom Wecken bis zum Schlafengehen

Elisabeth Binder

Einen schlafenden Star zu wecken kostet Überwindung, keine Frage. June Galgey kennt da allerdings keine Gnade mit sich und Filmheroen wie Sean Connery, Jack Lemmon, Robin Williams, Ethan Hawke und anderen. „Die sind schließlich nicht zum Vergnügen, sondern zum Arbeiten hier“, sagt die Berlinale-VIP-Betreuerin. Die strenge Miene täuscht über ihr mitleidiges Herz hinweg. Ja, sie weiß, wie man sich fühlt, wenn man nach einem Endlos-Flug in Berlin landet. Und einen keiner rechtzeitig geweckt hat, so dass man blass, mit Struwwelhaaren und Sweatshirt höllisch aufpassen muss, dass einen keine Kamera zu Gesicht bekommt. Stars haben glamourös auszusehen.

Das schafft man aber nur, wenn man vorher durch die Hände eines Friseurs, eines Visagisten und eines Stylisten gegangen ist. Die Betreuerin selbst versucht erst gar nicht, glanzvoller zu sein als der Schützling, und konzentriert sich darauf, nett und patent zu sein. Kommt der Star im Privatjet, wartet June Galgey auf dem Rollfeld, sonst im Gate-Finger. „Welcome on the behalf of the Berlin film festival“, lautet ihre Begrüßungsformel. Ist der Star eine Dame, wie in diesem Jahr zum Beispiel Julie Delpy, dann überreicht sie einen Blumenstrauß. Sie führt ihren Schützling zur wartenden Limousine und erzählt auf dem Weg zum Hotel ein bisschen was über Berlin. Fünf Minuten vor der Ankunft ruft sie den Dienst habenden Guest Manager an, damit der sich am Eingang positionieren und den Star mit den gebührenden Ehren in Empfang nehmen kann. Ohne Verzug wird der Filmheld dann in sein Zimmer geleitet. Die Formalitäten erledigt alle June Galgey.

Sie ist bei allen Terminen dabei, die im Zusammenhang mit der Berlinale stehen, auch auf dem roten Teppich. Manchmal ärgert sie sich, wenn sie das Gefühl hat, die Fans kommen nicht richtig zum Zuge, weil ihr Schützling von zu vielen Bodyguards umgeben ist. Das war zum Beispiel so vor einigen Jahren, als Leonardo DiCaprio einen Film vorstellte.

Die gebürtige Südafrikanerin hat einen britischen Urgroßvater und eine indianische Urgroßmutter. Anfang der 80er Jahre kam sie nach Berlin, weil ihr Mann für Laker Airways arbeitete. Sie selbst hatte bis dahin in London als staatlich geprüfte Fremdenführerin auch VIPs umher geführt. Als die Berlinale VIP-Betreuer suchte, halfen natürlich auch ihre Sprachkenntnisse: englisch, französisch, holländisch, afrikaans und deutsch. In den letzten zwanzig Jahren hat die 59-Jährige viele Stars herum geführt. Besonders gern erinnert sie sich an Billy Wilder, weil der so ein richtiger Berliner war und immer Anekdoten aus seiner Jugend auf Lager hatte. Oder Jack Lemmon. Den fand sie richtig nett. Mit dem ist sie nach Sanssouci und Cecilienhof gefahren. Als sie ihm von ihrem Mann ausrichten sollte, wie toll der ihn in „Frühstück bei Tiffany“ gefunden habe, lachte er nur: „He is worse than you are“ – Lemmon hatte darin gar nicht mitgespielt.

June Galgey bekommt die Filme der Stars zu sehen, wenn diese während der Vorführung im Kino bleiben. Das ist nicht selten der Fall, denn oft hatten sie selbst noch keine Gelegenheit, den ganzen Film zu sehen. Aber wenn der im eigenen Land schon läuft, dann geht sie essen mit den Stars. Am liebsten im Hyatt oder im Weinhaus Huth, dann muss man nicht erst groß durch die Stadt fahren. Ihre Aufgabe ist es, während des Essens die Uhr im Blick zu behalten und den Kellnern gleich zu sagen, wann spätestens die Gesellschaft wieder aufbrechen muss. Eine Viertelstunde vor dem Abspann müssen alle wieder im Berlinale-Palast versammelt sein, um sich beim Schlussvorhang zu verbeugen.

Natürlich sind es nicht nur Hollywood- Stars, die sie betreut, manchmal haben auch Kurzfilmer, die den breiten Massen nicht so bekannt sind, VIP-Status. Die werden ganz genauso behandelt wie die Glamour-Stars. Auf Nachfragen gibt sie immerhin zu, dass das Herzflimmern bei den Leinwandhelden, die man aus vielen tollen Filmen kennt, schon ein bisschen stärker werden kann. Nur anmerken lassen darf man es sich nicht. Manchmal tut sie Sachen, die sie eigentlich nicht darf. Einmal hat sie ein berühmtes Leinwandpaar gewissermaßen gezwungen, sich den Pergamonaltar anzugucken. 15 Minuten Zeit gab es noch dafür.

„Die müssen auch was für ihre Seele tun“, sagt sie. Da kommt dann wieder das mitleidige Herz zum Zuge. „Sie glauben nicht, wie eng das Programm ist, das die meisten zu absolvieren haben.“ Manchmal schimpft sie mit den Assistenten, wenn zu viele Interview-Termine vereinbart sind. Da sie weiß, dass die Publicity schlechter ausfällt, wenn ein Star zu spät zur Pressekonferenz kommt, wird sie da sehr deutlich. Das liegt in ihrer Verantwortung. Für die Pressekonferenz zum Wettbewerbsfilm weckt sie auch mal einen Hauptdarsteller, selbst wenn der für die Rolle viele Millionen Dollar kassiert hat und sie weiß, dass er am Vorabend noch ein anstrengendes Dinner zu absolvieren hatte.

Vielleicht hat sie die Weisheit von der indianischen Urgroßmutter, aber es ist ja auch so klar, wenngleich es in der Wichtigkeit, die very important persons wie eine Schutzmauer umgibt, manchmal untergeht. „Ein Star ohne Fans ist kein Star.“

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