Berlin : Die Sterne zum Dessert

Im Swissôtel am Ku’damm kann man beim Dinner sein Horoskop deuten lassen. Ein Selbstversuch

Thomas Loy

Sie glauben nicht an die Sterne? Dann müssen Sie zu Dr. med. Rolf Rosenfeldt. Der wird Sie kurieren. Zuerst hat er ja auch nicht daran geglaubt, doch im Krankenhaus waren plötzlich „überall Frauen, die mich bekehren wollten“. Einer „unheimlich penetranten“ Krankenschwester erlaubte er schließlich, sein Innenleben astrologisch zu dechiffrieren. Das gelang ziemlich gut. Beinahe wäre die Krankenschwester sogar seiner heimlichen Liebe zur Abteilungssekretärin auf die Schliche gekommen.

Willkommen beim „Astro-Dinner“ im Swissôtel am Kurfürstendamm. Dieser Event ist bei den Gästen schwer beliebt, erzählt Pressefrau Miriam Kebe. Liegt natürlich an den guten Zutaten: Brandenburger Landentensuppe, Steinbuttfilet, Passionsfrucht und eben Rolf Rosenfeldt, der alerte Mediziner mit dichtem Graubüschelhaar, Typ: Frauenschwarm. Rosenfeldt fragt mal unschuldig in die Runde, wie man es denn mit den Sternen so hält. Alles schweigt, nur Kollege Gerd Stoffels, freier Gourmet-Redakteur, entledigt sich spontan seines Vorurteils: „Spökenkiekerkram“.

Rosenfeldt nimmt den Widerspruch sportlich und belegt seinen Projektor mit Definitionen: Astrologie als „Lehre von der Qualität der Zeit.“ Aus männlicher Sicht ließe sich auch formulieren: Die rechte Frau am rechten Ort zur rechten Zeit. Dann prescht Rosenfeldt atemlos durch die „Urprinzipien“ der Sternendeuter, die irgendwie quer stehen zu traditionellen Wissenschaften. Schon meldet sich wieder Stoffels, der Skeptiker. „Darf ich mal eine Frage stellen?“ Bitte, nur zu. „Kann man hier rauchen?“

Stoffels ist Waage. Da passt das mit dem Widerspruchsgeist eigentlich gar nicht zu ihm. Muss am Aszendenten liegen. Der steigt übrigens immer östlich im Sternenkreis auf, dafür geht der Deszendent im Westen unter. Der Aszendent markiert die „Grundstimmung“ im Menschen, der Deszendent das „Grundthema der Beziehung zum anderen Menschen“. Klingt alles recht nebulös und schwammig. Generell gilt: Wer ein schwieriges Horoskop hat (also Skorpion oder Fische, mit viel Pluto und Saturn drin), kann richtig berühmt werden. „Goethe hatte ein furchtbares Horoskop, kaum lebbar“, sagt Rosenfeldt. Hat sich davon aber nicht niedermachen lassen, der Goethe, sondern das Beste draus gemacht.

Die Tierkreiszeichen, sagt Rosenfeldt, führen quasi einen Dialog im Menschen – etwa so: Krebs: Komm, schmeiß diesen öden Job! Stier: Bist du übergeschnappt? Rosenfeldt vertritt die „Psychologische Astrologie“ – also kein Spökenkiekern in die Zukunft, sondern „Selbsterkenntnis“, um zu verstehen, wohin die Reise geht. Eine Beratung kostet 150 Euro – was günstig ist, weil laut Rosenfeldt anderthalb Stunden Astrologie anderthalb Jahren Psychoanalyse entsprechen. Astrologie sei in unserer schnelllebigen Zeit einfach effizienter als Couch-Gespräche.

Streng genommen reicht ein kurzer Datenaustausch. Geburtszeitpunkt und -ort gegen 18 Seiten Persönlichkeitsdeutung. Beim Astro-Dinner kann jeder sein Ich im Briefumschlag mit nach Haus nehmen. Bei mir fängt es sehr gut an: „Sie sind eine offene, kontaktfreudige Persönlichkeit…“ Dann wird es zusehends schlechter. Zuletzt steht Pluto im neunten Haus: „So können Sie mitunter versucht sein, an gewissen Dogmen auch dann noch stur festzuhalten, wenn Sie im Grunde selber längst wissen, dass sie nicht mehr haltbar sind.“ Dogmen? Ich? Schamlose Lügner, diese Sterne.

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