• Die Stille vorm Dessert Schwarzfederhuhn im Kerzenschein: Das Klima bei Staatsbanketten kann sich auch politisch auswirken

Berlin : Die Stille vorm Dessert Schwarzfederhuhn im Kerzenschein: Das Klima bei Staatsbanketten kann sich auch politisch auswirken

Elisabeth Binder

Wenn die Fensterscheiben des runden Salons im Schloss Charlottenburg nicht beschlagen wären, könnte man vielleicht von außen hineinblicken und sich an eine Filmszene erinnert fühlen. Etwa 170 Gäste haben sich hier in Smoking-Jacken und langen Abendkleidern zum Aperitif vor dem Staatsbankett für den chilenischen Präsidenten Ricardo Lagos Escobar versammelt. „It’s my first castle dinner“, freut sich die amerikanische Opernsängerin Deborah Voigt auf ihr erstes Abendessen in einem alten europäischen Schloss. Thera Medeiros, die Frau des brasilianischen Botschafters, umarmt dessen peruanischen Amtskollegen. Alle südamerikanischen Botschafter sind hier mit viel Temperament versammelt. Immer noch kommen Gäste nach, vom Tor aus werden sie in Limousinen zum Eingang chauffiert, vorbei an den Fackelträgern, die vor dem Schloss die verschneite Nacht mit lodernden Flammen schmücken.

Langsam setzt sich der Zug der Gäste zum Defilée in Bewegung. Anders als in Bellevue kann man in Charlottenburg die Schlossatmosphäre richtig auskosten, denn die Gäste gehen gemächlich durch viele Zimmer, unter Deckengemälden einher, vorbei an Wirkteppichen und Seidendamast, an historischem Porzellan und vielen alten Spiegeln, in denen sich die Roben aus dunkelgrünem Samt und orangefarbener Seide reflektieren und plötzlich aussehen als stammten sie aus einem historischen Gemälde.

Seit Samstagabend ist der im Jahr 2000 gewählte chilenische Präsident schon in Berlin, war unmittelbar vorher in Indien und Ägypten auf Besuch. Am Montag hat das offizielle Programm für Ricardo Lagos Escobar und Frau Luisa Durán de Lagos begonnen. Jetzt stellt ihnen Deutschlands oberster Protokollchef, Bernhard von der Planitz, die Gäste vor. Bundespräsident Horst Köhler mit frischem Lächeln und Frau Eva Luise in einem mit pinkfarbener Schärpe und gleichfarbenen Manschetten akzentuierten langen schwarzen Samtkleid, rahmen die Staatsgäste ein. Die Orangerie mit den festlich gedeckten Tischen ist auch optisch warm, wirkt wie in das sanfte hellgelbe Licht eines frühen Sommernachmittags getaucht. Längs der Wände stehen Pyramidenbäumchen. Auf den Tischen brennen Kerzen in fünfarmigen Leuchtern, in deren Schein weiß-goldenes KPM-Porzellan leuchtet, Blätterkränze sind mit weißen Rosen besteckt, und auf den Speisekarten sieht man eine sommerliche Aufnahme des Schlosses.

Auch mit solchen staatlichen Wellness-Effekten bestimmt man politisches Klima und mit der stetigen Gratwanderung, die da heißt „stilvoll und selbstbewusst, aber nicht protzig“. Das Menü ist zweisprachig gedruckt: Terrina de setas silvestres,Waldpilzterrine vorweg, als Hauptgang gibt es Schwarzfederhuhn in Morchelrahm. Die herzlichen Reden loben auch die ausgezeichneten Beziehungen. Staatsbankette sind so ziemlich die einzigen Dinners, bei denen es nahezu unmöglich ist, Pech mit den Tischnachbarn zu haben. Gute Gespräche sind praktisch garantiert. Vor dem Hauptgang und dem Dessert gibt es mit Violoncello und Klavier virtuos aufgeführte Stücke von Bach und Schubert, dazu neue Bilder von einem gelungenen Castle-Dinner: Zwischen funkelnden Kristallgläsern voll Spätburgunder und Riesling sitzt die ganze Gesellschaft in meditativer Versenkung da. Erst nachdem die Gäste, darunter auch die Altbundespräsidenten von Weizsäcker und Scheel, nach sekundenlanger Stille in Applaus ausgebrochen sind, nimmt man mit frischen Gedanken die Gespräche wieder auf.

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