Berlin : Die Stimmungszettel-Abgabe

In einer Box in der Haupthalle landen Meinungen zum Flughafen – und anderes

Stefan Jacobs

Natürlich will der Senat den Flughafen zumachen, aber das Volk soll wenigstens dagegen anreden dürfen. Oder zustimmen. Deshalb steht in der Halle des Flughafens Tempelhof ein Infopavillon mit allerlei Schautafeln und einer Plexiglaskiste. Die Box ist für Vorschläge zur künftigen Nutzung des Flughafens gedacht. Es landet allerdings auch manch anderes darin.

Zahlenmäßig wird die Fremdkörperfraktion von – ungerauchten – Zigaretten angeführt. Die sind allerdings fast das Einzige, was nicht in die Wertung eingeht. Ansonsten kann niemand behaupten, er würde ignoriert, wie ein Ortstermin bei der Stadtentwicklungsverwaltung zeigt: Hier, im Referat IIB2, lagern die eingeworfenen Karten samt Auswertung. Die ist thematisch in zehn Punkte gegliedert, wobei Nummer eins für „Fliegerische Nutzungen“ steht, den Favoriten.

„Der Senator für Verkehrsverbote, Flughafenschließungen, Hundescheiße und Schnapsideen vertreibt die Arbeitsplätze aus Berlin“, steht in krakeliger Filzstiftschrift auf einer Karte. Daneben eine dünne Bleistift-Eins. Kategorie „Fliegerische Nutzungen“ also. Selbst die Karte mit der Bemerkung „Es war nicht alles schlecht, was zur NS-Zeit geschaffen wurde“, hat die Eins bekommen.

Viele hundert Karten sind seit Oktober zusammengekommen; allein in den ersten beiden Monaten waren es 243. Davon 163 Stimmen für den Flugbetrieb. Es ist manches Unleserliche dabei, einiges Gepöbel, auch Kurioses: „Berlin und Flughafen Tempelhof gehören zusammen wie Jörn und Wowi. Deshalb muss der Flughafen erhalten bleiben.“ Auch Mehrfachnennungen sind möglich: Die Karte mit der Aufschrift „Weiter als Flughafen, sonst Grünfläche“, bekommt eine Eins und eine Zwei. Wo immer „Denkmal“ oder „Museum“ auftaucht, wird eine Sieben notiert, hinter „Freizeit“ eine Sechs.

Insgesamt ähnelt die Hitliste der aus der Onlineumfrage, an der sich rund 2000 Menschen beteiligt haben. Der Flugverkehr gewann mit 1100 Stimmen – zusammen mit der Forderung, die Grünfläche zu erhalten. Kombiniert werden soll die mit Sport- und Freizeitmöglichkeiten (1000 Stimmen) oder soziokulturellen Angeboten (700). Für das Gebäude wurden Firmen, Behörden, Museen und Bildungseinrichtungen gewünscht. „Viele glauben ja, das Gebäude soll abgerissen werden“, seufzt eine Verwaltungsmitarbeiterin. Ihr Kollege, der bei der Auswertung hilft, findet den Inhalt der Box passabel: Früher habe er bei der Post gearbeitet. „In den Briefkästen war alles, was durch den Schlitz passt. Einschließlich lebender Mäuse.“ Der Schlitz in der Tempelhofer Box ist dafür zu schmal. Stefan Jacobs

Der Online-Dialog:

www.berlin.de/flughafen-tempelhof

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