Berlin : Die Studenten erobern die Stadt

Aus dem Hörsaal auf die Straße: Proteste vom Roten Rathaus über den Potsdamer Platz bis zum Bahnhof Zoo

Tilmann Warnecke,Jörn Hasselmann

Von Tilmann Warnecke

und Jörn Hasselmann

Die Bildung tragen sie gleich am Anfang zu Grabe: Vier Theologen schultern am Kopf des Demonstrationszuges einen Sarg, zünden Totenlichter an und singen einen Trauerchoral: „Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig war der Bildung Leben, Bürgermeister, Senatoren, schaufeln eifrig ihre Gräber.“ Protestanten, steht doppeldeutig auf ihren Mänteln – der theologischen Fakultät droht die Auflösung. Mediziner fahren den „Patienten Bildung“ als Skelett im Krankenbett durch die Gegend. „Vielleicht hilft noch Mund-zu-Mund-Beatmung“, ruft ein Kommilitone von der Seite.

Die Studenten sind sauer auf den Senat, und der Zorn wächst. „Grève, Strike, Streik“, skandieren HU–Dolmetscher in drei Sprachen. 20 000 Teilnehmer, so zählen Veranstalter und Polizei übereinstimmend, ziehen auf dem bisher größten Zug seit Beginn der Studentenproteste vor drei Wochen durch die Stadt. Vier Mal so viele wie erwartet. Sie zeigen sich bunt und mit einem Krach wie auf der Love Parade, viele blasen in Trillerpfeifen, andere rufen: „Wir sind viele, wir sind laut, weil man unsere Bildung klaut“.

Wie Josephine Baier sind viele auf ihrer ersten Demonstration. „Lehre statt Leere“ steht auf dem Plakat, das die junge Frau hält, „KW“ für „kann wegfallen“ steht auf ihrer Armbinde. „Eigentlich bin ich nicht für den Streik, aber jetzt muss man sich engagieren“, sagt die Soziologie-Studentin im dritten Semester. Auch Dozenten machen mit: TU-Maschinenbauer tragen Fragezeichen auf dem Rücken, um Missmut gegen die Kürzungen auszudrücken. „Unter den jetzigen Bedingungen ist keine Lehre mehr möglich, meinen Job kann ich so auch nicht richtig machen“, sagt ein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Vor den Galéries Lafayette legen die Demonstranten eine Schweigeminute ein. „Gegen den Bildungsabbau“, schallt eine Stimme durch das Megaphon. Und danach: „Weihnachten soll kein Fest des Friedens werden.“

Unfriedlich wird es dann aber schon vor dem Roten Rathaus. Die letzten Meter stürmen die Hochschüler vor den Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters. „Wir wollen Wowi!“, skandieren sie, „Klaus komm raus, sonst kommen wir rein!“ Feuerwerkskörper fliegen übers Rathaus, eine Flasche auf die Polizisten. Die Stimmung droht zu kippen, selbst Mahnungen der Studentenvertreter nützen wenig. Erst nach knapp zwei Stunden ziehen die letzten Demonstranten ab.

Rund 300 Polizisten riegelten das belagerte Rathaus ab. Mindestens ebenso viele versuchten über Mittag, das Verkehrschaos zu bändigen, das in Mitte durch den langen Demonstrationszug entstanden war. Zunächst waren TU-Studenten vom Ernst-Reuter-Platz zum Potsdamer Platz gezogen, dort stießen die Streikenden der Humboldt-Universität und der Freien Universität dazu. Über Leipziger Straße, Friedrichstraße und die Linden zog der Zug zum Rathaus.

Der Einsatzleiter der Polizei, Karsten Schlüter, war am Nachmittag zufrieden und klagte lediglich über ein paar Kreidezeichnungen am Bundesrat und einige gezündete Böller. Probleme gab es dann allerdings nach der Demo. Wie Schlüter am Abend dem Tagesspiegel sagte, seien vier Gruppen von je 200 Demonstranten spontan durch Mitte gezogen, „es kam zu unschönen Szenen“. Die Studenten besetzten mehrfach Kreuzungen und versuchten das Kaufhaus Galeria Kaufhof am Alex sowie die Zentrale der Bankgesellschaft zu stürmen. Beides wurde von starken Polizeikräften verhindert. Eine andere Gruppe blockierte gegen 16 Uhr die Brunnenstraße vor der Senatswissenschaftsverwaltung, 25 Personen gelang es, kurzzeitig in das Gebäude einzudringen. Bei diesen spontanen Aktionen hatten nach Beobachtungen der Polizei Aktivisten der linken und autonomen Szene das Kommando geführt, die mittags auf der Demo nicht zu sehen waren. Am Abend löste die Polizei die Versammlung auf, einige Studenten wurden kurzzeitig festgenommen.

Am heutigen Freitag sollen die Proteste weitergehen. Am Sonnabend ist eine weitere Demonstration quer durch Mitte geplant.

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