Berlin : Die Suche nach dem idealen Konzept beginnt von vorn

Christian van Lessen

Was soll wie gebaut werden? Bund und Land erhoffen sich von Experten RatChristian van Lessen

Ob Schloss oder "Palast", ob Komfortwohnungen mit Spreeblick oder weite Grünfläche mit Teich, ob Bundesgästehaus mit Kongresszentrum oder Gedenkblibliothek, ob Uno oder Uni oder gar ein Fußballfeld, ob Hotel und Wirtschaftszentrum oder Freizeitpark mit Bowlingbahn: Öffentliche Vorschläge über die Zukunft des öden Schlossplatzes gab es bislang reichlich. Senat und Bund sind sich zumindest darin einig, dass sie sich nun bald einigen sollten, was in der Mitte Berlins zu enstehen hat, wie es aussehen soll und wie es zu finanzieren ist. Über die künftige Nutzung des Geländes, das dem Bund und dem Land Berlin gehört, herrscht nach nun fast zehnjähriger Diskussion noch immer Unklarheit. Jüngste Vorschläge kamen am Dienstag von der PDS, die ein "Bürgerforum" einrichten will.

Heute soll bei einer gemeinsamen Kabinettssitzung eine Expertenkommission - unter anderm mit Stadtplanern und Kunsthistorikern - eingesetzt werden, um Weichen für die Bebauung des Schlossplatzes und seine Nutzung zu stellen - die Zeit drängt, das Ende der Asbestsanierung des Palastes der Republik ist Mitte 2001 in Sicht - und damit die Frage, wie mit den Resten des Baus umzugehen ist. Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und seine neue Kultursenatorin Christa Thoben können sich ein Schloss vorstellen, Stadtentwicklungssenator Peter Strieder eine Collage aus Alt und Neu - aber was an "Öffentlichem" in der baulichen Hülle stecken soll, bleibt bislang ein Rätsel. Ebenso, wie derart anspruchsvolle Projekte in Milliardenhöhe öffentlich finanziert werden sollen, wie es gerade Senator Strieder vorgeschlagen hat.

Die PDS-Landesvorsitzende und Berlin-Beauftragte der PDS-Bundestagsfraktion, Petra Pau, will nach dem langen Streit um Für und Wider von Schloss und Palast der Republik "Denkblockaden" überwinden. Das Konzept ihrer Partei für ein "Bürgerforum" geht allerdings davon aus, dass der Palast der Republik nach der Asbestentfernung umgebaut und genutzt wird - mit neuen Fassaden, Dachterrassen und Fußgängerbrücken über die Spree. Der Palast soll Teil eines städtebaulichen Ensembles mit öffentlichen Wegen, Plätzen, Passagen und Höfen sein, etwa auf der Fläche des alten Schlosses. Wie das alles aussehen soll, müsse öffentlich erkundet werden. Die Partei wünscht moderne Architektur, höchstens mit historischen Einsprengseln wie beim einstigen Staatratsgebäude. Als Hauptnutzer der Gebäudeteile des ehemaligen Palastes stellen sich Petra Pau, die Berliner Fraktionsvorsitzende Carola Freundl und Mittes Baustadtrat Thomas Flierl das Haus der Kulturen der Welt vor; dafür solle das für den Bund geforderte Kongresszentrum in die Kongresshalle am Spreebogen ziehen. In den einzelnen, neu zu errichtenden Gebäuden auf dem Schlossplatz sollten eine Ergänzung für die Zentral- und Landesbibliothek, ein zentrales Gebäude für Nicht-Regierungsorgansisationen mit Ausstellungs- und Büroflächen sowie ein Medien-Haus untergebracht werden. Das ehemalige Staatsratsgebäude und heutige provisorische Bundeskanzleramt, über dessen fernere Zukunft auch noch nicht entschieden ist, solle wieder zum Ort des Berliner Stadtforums werden, forderten die Vertreter der PDS. Das Gebäude könnte ferner die fehlende Staatliche Kunsthalle aufnehmen. Die Umgestaltung des Geländes werde ein langwieriger öffentlicher Prozess sein, der in einem Gebäude wie der Infobox am besten dokumentiert werden könnte, hieß es. So sollte der rote Informationspavillon, dessen Tage am Leipziger Platz gezählt sind, als Aussichtsplattforum am Schlossplatz aufgestellt werden. Eine Alternative zu DDR-Palast oder Schlossnachbau könne nur im gesellschaftlichen Dialog entstehen.

Während sich gestern auch die Berliner Bündnisgrünen für eine neue öffentliche Debatte auch auf nationaler Ebene aussprachen, ein regelmäßiges Podium für die Diskussionen vor allem auch über die Nutzungsansprüche auf dem Schlossplatz verlangten, forderte die 1300 Mitglieder zählende Gesellschaft Historisches Berlin: "Wir wollen das Stadtschloss - jetzt!" Bei der Präsentation eines Stadtschlosses in ihrem Räumen Unter den Linden 40, das der Modellbauer Gerd Bräutigam gefertigt hatte, sprach die Vorsitzende Annette Ahme von einer Ödnis, die nicht länger hingenommen werden dürfe. Für die Mehrkosten der historischen Fassade ließen sich bundesweit 130 Millionen Mark sammeln; sie zog den Vergleich zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche.

Am Schlossplatz und Unter den Linden gehe es hauptsächlich um Geschichte und Kultur, deshalb käme nur eine kulturelle Nutzung in Betracht, etwa für die Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Gemäldegalerie. "Könnte es einen schönern Ort geben?", fragte Frau Ahme.

Experten sollen nun für Bund und Land herauszufinden versuchen, was auf dem Schlossplatz am besten aufgehoben ist. Gesucht wird die ideale Nutzung. Ein schlossähnlicher Aufbau hat starke Befürworter, auch die Berliner Koalitionsvereinbarungen wiesen in diese Richtung. Ob und wie die Öffentlichkeit beteiligt wird, ist noch offen.Was soll aus dem Schlossplatz werden? Diskutieren Sie mit auch im Internet: www.meinberlin.de/forum im Kanal Stadtleben

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