Berlin : Die Suche nach dem virtuellen Hering

Christoph Stollowsky

Es war nur ein kurzes Stolpern. Sie fiel über eine Türschwelle, brach sich den Oberschenkel und wurde in der Charité operiert. Im Normalfall hätte die pensionierte Lehrerin Hilde Seefelder (Name von der Redaktion geändert) zwei Wochen später mit einem Gipsbein wieder in ihrer Wohnung gesessen. Vor dem Küchenfenster die geschäftige Müllerstraße, im Bad ein paar Kajalstifte, um das Alter aus dem Gesicht fern zuhalten: Knochen repariert, Patient heimgeschickt und zur Physiotherapie überwiesen. Wer zerbricht sich schon darüber den Kopf, warum eine 73-jährige Frau ins Straucheln gerät? Zumal ihr die Sache selbst peinlich war. Doch bei Hilde Seefelder kam alles anders.

Nach der Operation wurde sie zur Reinickendorfer Straße 61 in Wedding verlegt. Eine gute Adresse aus der Berliner Krankenhaus-Geschichte: Große Backsteinhäuser, in denen seit 1900 die jüngsten Berliner behandelt wurden. "Pädiatrie des Rudolf-Virchow-Klinikums" stand bis vor fünf Jahren am Eingang. Aber dann wechselte die Medizin hier zur anderen Seite des Lebens. Es zog das Evangelische Geriatriezentrum ein und brauchte mehr Platz, weshalb man zwischen den historischen Häusern einen Neubau aus viel Glas und Klinkern errichtete.

Vier Etagen mit Zimmern für 138 Patienten. Hell, schlicht, Kunstdrucke an der Wand, Komfort wie im Drei-Sterne-Hotel. Dazu eine Sporthalle, ein Schwimmbad und auf jeder Station ein Studio für Bewegungstherapie. Hier zog Hilde Seefelder für gut vier Wochen ein, und es fiel ihr gleich auf, dass sie in eine ungewöhnliche Klinik geraten war mit überraschend vielen Leuten, die sich um sie kümmerten. Sie standen regelrecht Schlange. Ärzte, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden, Ernährungsberater, Neuropsychologen und Sozialarbeiter. Jeder nahm sich Zeit für Gespräche und Tests. Sie gingen ihrem Körper, ihrer Seele und ihrem Alltag auf den Grund und fragten auch, wie sie mit Freunden und Angehörigen zurechtkomme. Sie puzzelten behutsam, bis sie ein vielschichtiges Bild ihrer Patientin zusammenbrachten. Doch was hatte das alles mit ihrer Fraktur zu tun?

Das Team der geriatrischen Klinik fand heraus, was Hilde Seefelder geahnt, aber vertuscht hatte, und was die Menschen in ihrer Umgebung, falls sie es denn bemerkten, aufs Alter schoben: Konzentrationsvermögen und Aufmerksamkeit ließen nach. Deshalb war ihr die Schwelle in die Quere geraten.

"Rund ein Drittel unserer Patienten mit Knochenbrüchen haben dementielle Symptome, die vorher nie diagnostiziert wurden", sagt Oberarzt Arno Fischer vom Zentrum für Altersmedizin. Ein Verlust, den man nicht hinnehmen muss. Frühzeitig erkannt, lassen sich solche Prozesse mit Medikamenten und Geistestraining aufhalten oder zumindest verlangsamen. Fischer und seine Kollegen bieten deshalb sogar ambulante Gedächtnissprechstunden an - für alle, die den Verdacht haben, dass ihr Kopf nicht mehr zuverlässig funktioniert.

Der 40-jährige Oberarzt ist ein ruhiger Mann. Fragt man ihn allerdings nach seiner Arbeit, so spricht er darüber, wie andere Leute über ihre Lieblingsbeschäftigung. "Wir kümmern uns ganzheitlich um jeden Patienten", sagt er. Und: "Altersmedizin hat ihre eigenen Regeln." Ältere werden langsamer gesund, oft brauchen sie die doppelte Zeit, haben häufiger Komplikationen und meist mehrere Erkrankungen zugleich, von denen nur eine oder zwei bekannt sind. "Multimorbide", heißt das in der Medizin. Ein hässliches Wort - aber eine Herausforderung für Fischer. Der Geriater und sein Team wollen möglichst alles aufdecken, was den Patienten beeinträchtigt. Denn vieles ist verwoben, und jedes Leiden bedroht die Selbstständigkeit im Alltag massiv.

Geriater sind Internisten mit einem geschulten interdisziplinären Blick. Dass sich die Geriatrie stürmisch fortentwickelt, macht Fischer auf dem Balkon seines Dienstzimmers deutlich. Er zeigt auf zwei sanierte alte Gebäude. Rechts die Akademie für geriatrische Fortbildung, links das Domizil der Forschungsgruppe Geriatrie.

Geht man um den Neubau herum, gibt es weitere Häuser - Tagesklinik, Tagespflege, Pflegeheim. Die geriatrische Tagesklinik ist eine Zwischenstation auf dem Weg vom Krankenhaus zurück in den Alltag und funktioniert nach der Devise: Tagsüber Therapie, abends Zuhause. Sollte ein selbstständiges Leben aber partout nicht mehr möglich sein, so verabschieden sich die Kranken auch von der Wohnung in Etappen. Dafür gibt es die Tagespflege, die sie abends wieder nach Hause schickt. Das erspart noch eine Weile die Endstation Pflegeheim.

So lange wie möglich - Worte, die Oberarzt Fischer am liebsten im Hinblick auf die eigenen vier Wände seiner Patienten gebraucht. Diese Freiheit will ihnen die Klinik erhalten, solange es in ihrer Macht steht. Dazu hat sie auf jeder Station ein Netz von medizinisch-therapeutischen Hilfen geknüpft. "Das ist weitaus umfangreicher als ein übliches Reha-Programm, aber ungeheuer personalintensiv", sagt Chefärztin Elisabeth Steinhagen-Thiessen. Zum Ausgleich haben Geriatrie-Kliniken in der Regel keinen OP und andere teure Medizintechnik.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen ist Professorin an der Charité und hält die enge Zusammenarbeit ihres Hauses mit der Uni-Klinik für einen Glücksfall. Die Charité ist die erste Station. Sie operiert, sie stabilisiert. Doch sobald ein Patient ab etwa 60 Jahren keine Intensivmedizin mehr braucht und sein Gesundheitszustand es zulässt, wird er zur Reinickendorfer Straße verlegt. Schlaganfall-Patienten oder Menschen mit Blutungen im Gehirn. Mit einem Schädel-Hirn-Trauma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Durchblutungsstörungen. Oder solche mit Brüchen wie die Pensionärin Hilde Seefelder, die möglichst bald in Bewegung gebracht werden müssen, weil in die Jahre gekomme Muskeln schneller verkümmern. "Niemanden ruhig halten, keinen verwahren", steht im Lehrbuch für Geriatrie. Eine Altersklinik darf kein Refugium sein.

Deshalb muss Peter Steiner (Name von der Redaktion geändert) im Bereich "Neurologie" jetzt einen Korb voller Lebensmittel im Supermarkt erwerben. Steiner in Jeans und rotem Polohemd, Polizeimeister a.D., zoomt Regale heran, sucht die Milch und die Heringe. Ein virtueller Einkauf am Schirm, nachdem ein Schlaganfall sein Gehirn geschädigt hat. Auf der Tastatur sind nur ein paar große farbige Knöpfe, der Joystick liegt ungewöhnlich gut in der Hand. Die Hard- und Software wurde extra für solche Patienten entwickelt. Es geht um Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Reaktionsvermögen in simulierten Alltagsszenen.

Peter Steiner hat noch viel vor. Ein therapeutisches Einzelgespräch, Entspannungsübungen, Sprechtraining, und am Abend die Ergotherapie. Helfer bugsieren ihn in den Stehtisch, der gibt ihm Halt. Steiner übt Greifen und auf den Beinen bleiben, der Schlaganfall hat ihm das Gefühl für Balance genommen. Nebenan holt eine Frau tief Luft wie beim Damenringen, sie steht am "Hau den Lukas" der Geriatrie und drückt auf ein Lederkissen. Die Marke an der Messlatte steigt hoch. Sie hatte ein Sprunkgelenk gebrochen, muss an Stützen gehen. Das erfordert Krafttraining für die Arme.

Auch Hilde Seefelder braucht Stützen und gibt ihr Bestes. Erste Schritte schafft sie schon alleine, die Fraktur heilt. Gegen die Demenz hat ihr die Klinik Arznei und Übungen verschrieben. Und einen Sozialarbeiter zur Seite gestellt. Der wird sie demnächst in ihre Wohnung begleiten. Sie wollen alles beseitigen, worüber sie stolpern könnte.

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