Berlin : Die Süchte der Großstadt

Forscher: Immer mehr Berliner sind sex-, spiel- oder kaufabhängig

Ingo Bach

Überall Versuchungen: Spielautomaten locken in Kneipen, Spielhallen oder Casinos, Einkaufstempel versprechen Glück durch Konsum, auch für die unverbindliche Sexlust findet sich schnelle Befriedigung. Manche Städter verfallen diesen Lockungen allzu stark und kommen irgendwann nicht mehr los. Psychologen sprechen dann von „stoffungebundenen“ Abhängigkeiten. Und die werden immer mehr: Spiel-, Kauf- oder Sexsucht seien in Berlin auf dem Vormarsch.

Die Ursachen: zunehmender Stress und die Unfähigkeit, damit umzugehen – weshalb gerade junge Menschen als gefährdet gelten. „Die Menschen haben es verlernt, mit Belastungen klar zu kommen“, sagt Sabine Grüsser-Sinopoli, Psychologin an der Charité. Sie gehört zu der interdisziplinären Forschungsgruppe, die derzeit versucht, diese bisher wenig erforschten Suchtformen besser zu verstehen.

Allen Abhängigkeiten sei eines gemeinsam, so die These von Grüsser-Sinopoli, die das Forschungsteam leitet. Das, was im Kopf des Süchtigen passiere, unterscheide sich in nichts von dem, was ein Alkohol- oder Heroinsüchtiger durchlebt. Die Erfüllung der Sucht sorgt dafür, dass der Körper Dopamin ausschüttet. Diese Substanz sorgt dafür, dass man sich gut fühlt. Und auch die Entzugserscheinungen seien die Gleichen: Alpträume, Schweißausbrüche oder Magen-Darm-Erkrankungen quälen dann zum Beispiel einen Spielsüchtigen, der nicht mehr an seinen Automaten darf. „Sucht liegt immer dann vor, wenn der Betroffene den unwiderstehlichen Drang nicht mehr kontrollieren kann und ihm gleichzeitig immer exzessiver nachgehen muss“, sagt Grüsser-Sinopoli. Kann ihr Team die These bestätigen, dann ließe sich die Therapie für Kauf-, Spiel- oder Sexsüchtige erheblich verbessern. Denn bei der Behandlung stoffgebundener Süchte, wie Alkohol-, Nikotin- oder Rauschgiftsucht, verfügen die Mediziner bereits über reiche Behandlungserfahrungen, die man auf die stoffungebundenen übertragen könnte.

Für ihre Forschung analysieren die Wissenschaftler die Gehirnströme und Hautleitwerte, Schreckreflexe und Augenbewegungen der Patienten. Sie sind mit ihren Messgeräten hautnah dabei, wenn die Opfer ihre Sucht ausleben. „Natürlich stehen immer erfahrene Psychologen bereit“, sagt Grüsser-Sinopoli. Wo es möglich sei, therapiere man die Klienten schon in der Forschungsgruppe. Die Übrigen vermittle man an Selbsthilfeeinrichtungen.

Telefonische Beratung und Informationen über Therapien und Forschung der interdisziplinären Suchtforschungsgruppe gibt es jeden Mittwoch zwischen 14 und 19 Uhr unter Telefon 45052 9529

Selbsthilfegruppen im Internet unter: www.sekis-berlin.de

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