Berlin : Die Surfer mit dem Silberhaar

Henning Kraudzun

"Fridoline 3" flirtet gerade mit "Mollyman", "Haargeel" debattiert mit "Bao Bao" über die Regierungsbeteilung der PDS: Auf den ersten Blick ist "Feierabend.com" eine Online-Community wie jede andere, nur dass vielleicht weniger über Handy-Logos geredet wird. Doch beim genaueren Durchstöbern des Forums erkennt man ganz andere Themen, die mit aller Ernsthaftigkeit diskutiert werden. Oftmals geht es um das Alleinsein, um die eigene Gesundheit, um unerfüllte Wünsche im Leben. Die Nutzer von Feierabend.com bilden den größten virtuellen Seniorentreff in Deutschland.

In Berlin haben sich über 500 so genannte Silver-Surfer auf dem Internetportal als Mitglieder eingetragen. Ihre Aktivitäten werden seit einigen Wochen von einem Regionalklub koordiniert, den zwei versierte Surfer aufgebaut haben: Irmgard Dupke (66) und Günter Schreyer (58). Sie versorgen ihre stetig wachsende Onlinegemeinde mit Informationen über Kultur, Stadtleben und Reisen, organisieren zudem regelmäßige Regionaltreffen und Ausflüge. Zeitgemäß verabreden sich die Teilnehmer übers Netz für Theater- oder Restaurantbesuche. Die Senioren liegen im Trend: Marktforscher bescheinigen nicht den Webseiten für die Generation @ die höchsten Zuwachsraten, sondern denen für Alte.

Technisch versiert und mit einigem Vorsprung im Beherrschen von Maus und Tastatur sind Irmgard Dupke und Günter Schreyer deshalb, weil sie bereits beruflich auf ihren PC nicht verzichten konnten. Schreyer hat eine Firma, seine Vereinsfreundin arbeitete als als Maklerin: "Da hatte ich schon vor dem Computerboom eine Übersicht meiner Objekte auf der Festplatte und nicht mehr im Aktenordner." Als das Internet aufkam, lernte sie im selben Tempo wie ihre Söhne den Umgang mit dem Netz. "Zuerst war natürlich der Chat etwas ganz Tolles", erinnert sich Frau Dupke. Mit anderen direkt zu quatschen, ohne den Hörer in die Hand zu nehmen, sei schon faszinierend gewesen. Bald entdeckte sie Feierabend.com, damals noch eine überschaubare virtuelle Quasselrunde. "Und dort habe ich mich dann irgendwie zu Hause gefühlt", sagt sie. Aus dem Spaß wurde bald Arbeit: Über den Kontakt zu den Frankfurter Machern des Online-Treffs kam sie auf die Idee, für Berlin ein maßgeschneidertes Unterportal zu betreuen. Günter Schreyer, der sich ebenfalls für das Vorhaben begeisterte, lernte sie über das World Wide Web kennen.

Beide wollten dann die Internetbegeisterung der regionalen Feierabend-Nutzer auf "niveauvollen eigenen Seiten" kanalisieren. "Für viele ist das doch eine Art Ersatzfamilie, vor allem, wenn man einsam und körperlich nicht mehr so fit ist", sagt Schreyer. Eine Bestätigung seiner ehrenamtlichen Arbeit habe er auf dem ersten Regionaltreffen erfahren. "Damals kam ein Ehepaar, denen das Internet die einzige Kommunikationsmöglichkeit mit anderen ist." Deshalb verstehe er auch nicht, warum so wenig Computer in den Seniorenheimen angeschafft würden. "Viele junge Menschen denken immer noch, dass die Alten von Computern und Internet sowieso nichts kapieren."

Bestes Beispiel sind Rentner mit einem Faible für Computer wie Gerd, der in Nachbarschaftshilfe anderen Silver-Surfern bei Computerproblemen hilft. Er schraubt und verkabelt alles, bis es funktioniert. "Da beruht natürlich viel auf Gegenseitigkeit, vorausgesetzt man kommt miteinander klar", sagt Schreyer. Und genau in diesem Punkt hake es öfters. "Viele sind mit ihrem Leben sehr unzufrieden und schmieren das Forum mit Hetze und Schmähschriften voll", sagt Schreyer. Diese schwarzen Schafe müsse man dann zurechtweisen. Da zudem nicht nur Häkeltechniken und Kochrezepte ausgetauscht werden, sondern aktuelle politische und gesellschaftliche Themen im Forum stehen, geht es manchmal heiß her. "Was sich dort an Animositäten aufbaut, ist nicht so einfach am nächsten Tag vergessen", sagt Dupke. Viele seien überempfindlich - auch wenn sich die meisten Silver- Surfer nicht persönlich kennen.

Diesen Streit müssen die beiden dann zumeist online wie auch im persönlichen Gespräch schlichten. Ausflüge und Kulturabende können dabei die virtuellen Zänkereien zeitweilig überdecken. Und manchmal müssen die beiden schon viel Geschick aufbringen, um ihre Gemeinschaft zusammenzuhalten. "Denn schlimm wäre es, wenn jemand wieder in die Einsamkeit gedrängt wird", sagt Schreyer. Für die meisten surfenden Senioren sind Chat und Forum eben mehr als nur oberflächliches Geplänkel, sondern ein Austausch von Lebenserfahrungen. Auch wenn es auf den ersten Blick juvenil und locker zugeht.

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