Berlin : Die "Surfpoeten": Ganz normaler Alltagstrash

Sonja Ernst

Der Alltag ist absurd genug. Man muss nicht im Weltall schweben, um Erzählstoff zu finden. Die Nahrung für Schreibanfälle lauert in den Nischen Berlins. Den fast "normalen Alltagstrash" gibt es im Fußballstadion, in den Schöneberger Sexshops, bei Boxkämpfen und bei Kaffee und Kuchen in Elterns Garten.

Andreas Gläser radelt geruhsam auf seinem blauen Fahrrad Richtung Weinbergspark in Mitte. Eine Schirmmütze schützt seinen kahlgeschorenen Kopf. Hier liegt das ehemalige Cafe "Pavillon" verdeckt hinter Bäumen. Heute ist es ein Club, und drinnen tanzen bunte Diskolichter. Junges, "szeniges" Publikum räkelt sich auf schwarzen Ledersofas und wartet auf eine Veranstaltung, angesiedelt zwischen Tanz und Lesung. Ein Text, ein Lied, ein Text... Jeden Mittwoch lesen hier die Surfpoeten auf einer der Lesebühnen, die sich in den Literaturbetrieb Berlins einmischen. Gläser ist als Gastleser gekommen. Besondere Rituale hat er nicht, zu Hause stimmte er sich nur mit etwas Fernsehen ein. Nun schlendert er zur Bar und holt sich sein erstes Bier.

Man kennt sich. Das übliche "Küsschen links, Küsschen rechts" fehlt. Mittlerweile haben sich fünf Lesezirkel in der Stadt etabliert, aber es gibt keinen Futterneid. Jede Lesebühne habe ihre Nische und ihr eigenes Kiez-Publikum, sagt Gläser. Man beglückt sich gegenseitig, und neuerdings wird in der Kulturbrauerei sonnabends gemeinsam gelesen. Im Pavillon verstummt nun Lou Reed, und DJ Leutnant Surf nimmt die Schallplatte vom Teller. Gläser ist dran. Das Licht bleibt düster, die Diskolichter wirbeln weiter. Es geht weniger um die "Kunst des Vortragens", Gläser steht wie zufällig am Mikro. Er liest die Hitparade seiner persönlichen Unfälle, erzählt von Blut und Schmerz, von seinem Leben als Bauarbeiter, von "aufgeschlagenen Fressen, Suff und grossen gelben Sonnen". Dann folgen Kindheitserinnerungen mit "Zungen in fremden Hälsen".

Begleitet vom Applaus des Publikums geht Gläser zurück zur Bar. "Die Leute in meinen Geschichten sollen für sich sprechen, ohne meine persönlichen Entschuldigungen", sagt er, "wenn ich das so wiedergebe, bin ich ja nicht das Arschloch." Er nennt sich "Schreiberling mit Schreibanfällen". Mit seinen 35 Jahren sei er ein "alter Poprocker, aber ein junger Schriftsteller". Sein Schriftstellerdasein begann erst vor fünf Jahren, und nicht gerade mit der üblichen Poesie. Er schrieb im "Zonenzombi,", das sich zwischen Fußball, Punk und Hausbesetzung bewegte. In der "linken Fußballszene" ist er als Jan Schlendrian bekannt. Seit zwei Jahren liest er nun bei der Chaussee der Enthusiasten, der Lesebühne in Friedrichshain. Zur ersten Lesung kamen auch die "Sportlerfreunde," aber das meint er, sei kein so kontinuierliches Publikum.

Tube kommt vom Mikro zurück, er hat von seiner Freiheit erzählt, Atomkraftwerke zu bauen, "mal so zum Nachdenken". Zwischendurch gibt es Taubenkillerstories, Science Fiction und relaxte Surfklänge. Das Publikum bleibt in seinen schwarzen Ledersofas versunken, nur die Diskolichter bewegen sich. Es geht hier nicht um Popliteratur. So "Jungs" wie Benjamin von Stuckrad-Barre seien doch eher zäh als poppig. "Die können besser lesen, aber der Inhalt, na ja." Schriftsteller, die ihre Sinnkrisen zum Thema machen, findet Gläser langweilig. Auf dieser "komischen Künstlerschiene" fährt er nicht. Lange Diskurse über seine Arbeit oder gar seine Existenz findet er ebenso langweilig wie dumpfes "Untergrundgeschrei". "Aber schon klar, Schreiben ist immer auch in sich selbst rumstochern. Da muss man schon mit sich im Reinen sein."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben