Berlin : Die tägliche Angst auf dem Weg zur Kita

Rechtsradikaler drangsaliert in Lichtenrade seit Monaten Eltern und Kinder

Tanja Buntrock

Die Deutschlandflagge baumelt traurig-schlaff auf dem Dach. Zu wenig Wind. Gegenüber toben Kindergartenkinder nackt in der Fontäne eines Gartenschlauchs. Sie gehören zur Lichtenrader Kita in der Weilburgstraße. In dem weißen Einfamilienhaus mit der schwarz-rot-goldenen Fahne wohnt Roland T. Vor ihm haben die meisten Kinder Angst – und ihre Eltern irgendwie auch.

Seit Monaten drangsaliert der rechtsextreme Roland T., 53 Jahre und hauptberuflich Querulant, die Lichtenrader Nachbarschaft (der Tagesspiegel berichtete) – mit Vorliebe das Gebiet rund um die Kita. Bisher marschierte er dort mit seinem Hund Adolf auf, der auf Befehl („Adolf, sitz! Mach den Gruß!“) die rechte Pfote von sich streckt. Roland T. pöbelt nicht nur die Eltern an, die ihre Kinder zur Kita bringen und seiner Meinung nach falsch parken oder „rein vom Äußeren nicht in sein Weltbild passen“, sagt eine Mutter. Er fotografiert sie und zeigt sie bei der Polizei an. Und den Kunden im Zeitungsladen um die Ecke befehle er mit rollendem R „stramm gestanden!“, oder er schreie herum, dass „alle Türkenkinder vergast werden müssen“.

Aus Angst vor Roland T. hat eine Türkin schon ihre Tochter aus der Kita genommen. Erst einmal konnten nämlich weder die Kita-Leiterin noch die Jugendstadträtin Angelika Schöttler (SPD), die Polizei oder die Justiz etwas gegen den Mann und seine Pöbeleien tun. Begründung der Polizei: Roland T. stelle noch keine unmittelbare Gefahr für die Umwelt dar. Bislang sei er nur durch Ordnungswidrigkeiten und Verbal-Attacken aufgefallen. Erst nach einer langen Zeit der Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber Roland T.s Tyrannei hat die Polizei nun doch „etwas erwirken können“, wie die Beamten sagen. Am Freitagmorgen um sieben Uhr hat Polizeihauptkommissar Andreas Sonnenschein T. einen Besuch abgestattet und ihm eine „Aufenthaltsverbotsverfügung“ (AVV) unter die Nase gehalten. Das bedeutet: Roland T. darf sich sechs Monate lang weder zu Fuß noch per Auto vor der Kita in der Weilburgstraße bis hin zur Königsteinstraße sehen lassen. Wenn er sich an dieses Verbot nicht hält, „droht ihm ein Zwangsgeld von 250 Euro“, sagt der Polizist.

Mehr aber auch nicht. Auf dem zuständigen Abschnitt 47 ist Roland T. seit Jahren bekannt. Seine Anzeigen gegen „alles und jeden“, wie die Beamten sagen, seine Pamphlete und zwölf Manuskripte seines Romans („Mein Kampf“), an dem er schreibt, füllen mittlerweile vier große Aktenordner. Für die Beamten war somit das, was am 20. Juni vor der Kita geschehen ist, fast schon ein „Glücksfall“ – denn nun war die vorläufige Spitze des Eisbergs erreicht.

An jenem Tag hatte Roland T. die Schreckschusswaffe eines griechischen Vaters im Handgemenge an sich gerissen und in die Luft geballert. Dem Vater war zuvor nach T.’s Beleidigungen der Kragen geplatzt: Deswegen hatte er die Pistole aus dem Handschuhfach geholt. „Nachdem Roland T. die Waffe hoch gehalten und in die Luft gefeuert hatte, weinten die Kinder ringsherum, Mütter schrien, alle hatten Angst vor einem Amokläufer. Ich wusste, dass jetzt endlich etwas Handfestes unternommen werden musste“, sagt Sonnenschein. Er hat sogar erreicht, dass T. einem Richter vorgeführt wurde, allerdings ohne Erfolg. Für einen Haftbefehl reichte das Geballere nicht aus. Am selben Abend habe sich Roland T. wieder stolz vor den Kollegen auf der Polizeiwache präsentiert. Gewiss, diese AVV ist „erstmal nur ein kleiner Schritt“, geben die Beamten zu.

Michaela R., 30, kann darüber nur den Kopf schütteln. Sie hat einen dreijährigen Sohn, der die Kita Weilburgstraße besucht. Die Mutter glaube nicht, dass Roland T. sich wirklich an das Verbot hält. „Ich habe trotzdem Angst, dass der Typ mal richtig austickt. Was ist, wenn er meinem Sohn etwas antut?“, fragt sie sich. Sie arbeitet im Schichtdienst, ihr Mann ist ebenfalls berufstätig. Ihren Sohn aus der Kita zu nehmen, ist für sie nicht möglich. „Würde ich aber, wenn ich könnte“, sagt sie. Auch Annette M., Mutter eines Vierjährigen, bleibt skeptisch: „Wenn er sich dem Verbot widersetzt und Strafe zahlen muss, macht ihm das bestimmt nicht sehr viel aus. Es muss wohl doch erst etwas Schlimmeres passieren, damit man gegen diesen Mann etwas machen kann.“

Die Leiterin des Gesundheitsamtes im Bezirk, Brigitte Hoppe, sagt, Roland T. sei „krank“. Aufgrund der Schweigepflicht darf sie nichts Genaues sagen. Bekannt ist aber allen Beteiligten, dass Roland T. vor acht Jahren einen schweren Verkehrsunfall hatte. Dabei erlitt er eine so schwere Kopfverletzung, dass er fortan als vermindert schuldfähig gilt. Psychiatrisch behandelt werden kann er nur mit seinem Einverständnis. Am 17. Juli habe es ein Gespräch zwischen T. und Mitarbeitern des Gesundheitsamtes gegeben - mehr dürfe sie nicht sagen, erklärt Hoppe. Ihr bleibt nur übrig, den Eltern und den Kita-Mitarbeitern zu vermitteln, „wie man mit einem solchen kranken Menschen umgeht“: Ruhe bewahren, nicht provozieren lassen, die Polizei rufen. Mehr könne man nicht tun: Außer, es passiert etwas Schlimmeres.

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