Die TEDTalks kommen nach Kreuzberg : Wenn Statistik-Vorträge Millionen begeistern

Bei TEDTalks wird Wissen jeder Art ausgetauscht. Nach fünf Wochen Vorbereitung findet am Mittwoch das erste TEDx-Event in Kreuzberg statt.

Nora Noll
(v. li.) Emily Casey, Thomas Goujat-Gouttequillet und Marnie Williams, Mitgründer der TedTalks in Kreuzberg. Foto: Thilo Rückeis
(v. li.) Emily Casey, Thomas Goujat-Gouttequillet und Marnie Williams, Mitgründer der TedTalks in Kreuzberg.Foto: Thilo Rückeis

Ein Mann mit Nerdbrille und Fleece-Pulli steht in gebückter Haltung vor einer Powerpoint-Präsentation und spricht auf Englisch mit starkem schwedischen Akzent über Datenanalyse. Klingt langweilig? Auf Youtube zählt das Video über zwei Millionen Klicks. Es gehört zu den TEDTalks, einer Art internationalen Vortragsreihe, die auf Ted-Konferenzen gehalten und im Internet verbreitet wird – und dort manchmal viel Aufmerksamkeit bekommen.

Auch Emily Casey hat sich den Vortrag online angeschaut. Der Mann mit Nerdbrille, Hans Rosling, habe ihr gezeigt, wie spannend und unterhaltsam Datenanalyse sei, erzählt die 29-jährige Australierin. Während ihres Studiums in Melbourne ist sie auf TEDTalks gestoßen, eine gemeinnützige Organisation, die eine Plattform bietet für jeden, der eine innovative Idee weitergeben möchte. Entstanden aus einer Konferenz in den USA über "Technology, Entertainment, Design", kurz TED, werden regelmäßig Vorträge über die unterschiedlichsten Themen gehalten, über schwarze Löcher, die Macht der Werbung oder Prokrastination – und das auf Veranstaltungen in der ganzen Welt.

Nachdem Emily Casey in die Ted-Welt eingetaucht war, wollte sie selbst aktiv werden und organisierte an ihrer australischen Universität sogenannte TEDx-Events: Vortragsreihen unter dem bekannten Label, aber eben unabhängig von der großen Ted-Organisation. Auch die TEDx-Veranstaltungen gibt es heute schon in mehr als 130 Ländern.

TEDTalk von Hans Rosling: 2 Millionen Klicks für den Statstik-Vortrag

TED kommt nach Kreuzberg

Seit eineinhalb Jahren lebt Emily Casey nun in Berlin, ihre Begeisterung für TED hat sie mitgebracht und ihre Motivation auch: Nach fünf Wochen Vorbereitung findet am Mittwoch das erste TEDx-Event in Kreuzberg statt. Das 20-köpfige Team aus freiwilligen Helfern koordinierte alles von der Website bis zur Beleuchtung des Veranstaltungsraumes im Impact Hub in der Friedrichstraße. "Wir haben uns gefunden, weil wir die Leidenschaft für TEDx teilen", sagt Casey. Und die ist allein bei ihr schon sehr ausgeprägt und so erzählt sie begeistert, wie "inspirierend", wie "witzig" und wie "bewegend" TEDTalks sein können.

Es gibt zwar schon verschiedene TEDx-Events in Berlin, etwa an der Humboldt-Universität und der Technischen Universität, für Frauen und für Jugendliche, aber Casey ist der Fokus auf Kreuzberg wichtig. "Wir wollen die Kreuzberger Gemeinschaft zusammenbringen und Brücken bauen zwischen internationalen und migrantischen Gruppen und den Berliner Alteingesessenen." Die Vorträge werden alle auf Englisch gehalten, in der kurzen Zeit hätten sie keine Live-Übersetzung organisieren können, sagt Casey entschuldigend. Für die nächsten Male sei das aber fest eingeplant – auch sprachliche Brücken müssen erst gebaut werden.

Bei der Auswahl der vier Vorträge hat sich das Team für einen Mix aus lokalen und auswärtigen Rednern entschieden und gleichzeitig die Themen bunt variiert. Das Line-Up: Eine Sexualtrainerin, eine Grafikerin, ein Dichter und eine Wirtschaftswissenschaftlerin. Worüber im Einzelnen geredet wird, will Casey vorab nicht verraten, "unsere sich verändernde Welt" wird aber ganz sicher eine Rolle spielen.

Ideen teilen, nicht predigen

Auch wenn es darum geht, Menschen zusammenzubringen – eine politische Idee steckt nicht hinter TED. "TEDTalks sollen nicht überzeugen, was richtig und was falsch ist. Labels wie links und rechts spielen hier keine Rolle", sagt Emily Casey. Die unabhängigen TEDx-Events müssen die offiziellen Richtlinien von TED befolgen, die auf mehr als 100 Seiten zum Beispiel diskriminierende Inhalte ausschließen oder "Kampfreden" verbieten. Auch TEDx Kreuzberg musste erst alle Bedingungen erfüllen, um die TED-Lizenz zu bekommen. Vier Monate habe das gedauert, erzählt Casey, und mehrmals seien ihre vorgeschlagenen Vorträge abgelehnt worden.

Jetzt aber steht das Programm, der Abend wird von den vier Rednern sowie mit zwei Videos von älteren TED-Talks gefüllt. Damit keine Hörsaal-Atmosphäre entsteht, sind alle Reden auf 18 Minuten begrenzt – eine weitere TED-Regel. Auch die Ticketanzahl wird von TED limitiert: Nicht mehr als 100 Karten dürfen verkauft werden, auch wenn die Nachfrage groß ist. Mittlerweile zeigen mehr als 9000 Menschen auf Facebook ihr Interesse an dem Auftakt-Event.

Weil die Tickets für je 25 Euro schnell ausverkauft waren, wurden an zwei Coworking Spaces zusätzliche Public-Viewing-Events organisiert – auch hier sind schon alle Tickets weg. Bleibt noch das Internet, dem die TEDTalks ihren Erfolg verdanken: Auf der Website von TEDx Kreuzberg gibt es einen kostenlosen Livestream. Und nicht nur dafür wird gefilmt: Alle Vorträge werden später online veröffentlicht. So können die neuen TED-Videos Menschen auf der ganzen Welt inspirieren und Klicks sammeln – genau wie der Mann mit der Brille und dem Wissen über Datenanalyse. Die TED-Community wächst weiter, nicht nur in Kreuzberg.
Livestream online ab 19 Uhr unter www.tedxkreuzberg.com

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