Berlin : Die Temperamentvolle

Margherita D’Amelio macht Körper elastisch – mit Qi Gong. Noch lieber folgt sie ihrer Tradition und tanzt Tarantella

Susanne Leimstoll

In dieser Wohnküche ist die Welt zu Hause. Die Stirnwand nimmt zur Hälfte eine riesige Landkarte ein, auf der die Hausherrin nachsehen kann, woher genau ihre internationalen Freunde kommen. Den Blick in den Hinterhof fängt ein selbst gebastelter Vorhang auf, der mal als Adventskalender begonnen hat: Andenken am Schnürchen. Gondel mit Liebespaar, parallel springende Delfine, sizilianische Ritter, japanische Papierballons und bunte Söckchen, in die „la befana“, die nette italienische Hexe, traditionell am Dreikönigstag die Geschenke stopft. Der rechte Teil der Küchenwand gehört Margherita D’Amelios Leidenschaft. Dort hängen vier Tamburine aus ihrer Heimat Apulien, dem Gargano. Instrumente, auf denen sie sich bei der Tarantella begleitet.

Den Tanz hat Margherita erst entdeckt, als sie vor 19 Jahren aus der Enge Südostitaliens nach Berlin floh. Nicht länger als einen Monat hatte sie in dem wunderschönen Haus einer Bekannten am Wassertorplatz in Kreuzberg bleiben wollen. Es wurden drei. Sie kehrte zurück nach Apulien – und kam wieder nach Berlin. Für ein Jahr, für drei Jahre, für immer. „Berlin, das war die Befreiung für mich“, sagt sie. Den Eltern hat sie ihre Entscheidung brieflich mitgeteilt. Sie antworteten ihr, es sei in Ordnung. Sie brauchten drei Monate dafür.

Margherita, die gelernte Physiotherapeutin und Gymnastiklehrerin, entfaltete sich, machte Zusatzausbildungen in Shiatsu, Qi Gong, arbeitete in Frauenprojekten mit. Im Frauenknast in Pankow macht sie mit den Gefangenen Qi Gong-Tanz, eine Therapie, die befreiend wirkt. Gibt Russinnen, Polinnen, Türkinnen Trainingskurse in Wirbelsäulengymnastik und Tanz. „Kulturaustausch“, sagt sie, „das war die Anregung, meine eigene Tradition wiederzufinden.“

Die heißt Tarantella. Eigentlich nur ein Oberbegriff für Tanzformen, die in den Regionen Süditaliens so unterschiedlich sind wie Dialekte in Deutschland. Margherita, 1,65 Meter Temperament, mag sie alle – am liebsten die Tammuriata, begleitet von der Trommel, oder die wilde Pizzica. Sie zeigt sie bei Auftritten mit ihrer Tanz- und Musikgruppe oder bei Festivals wie 2004 am Pfefferberg, das sie auch künstlerisch leitete.

Ihr Alltag ist das meditative Training mit Spezialgebiet Wirbelsäulengymnastik. Ihre Kür ist die Folklore. Schwungvolle, atemraubende Tänze mit wilden Figuren und fröhlichen Hüpfern. Margherita, glutäugig, mädchenhaft, alterslos, tut, was sie will. Jenseits der vierzig fällt ihr ein, sie könne Akkordeon lernen, das kleine Instrument, mit dem Italiener die Tarantella begleiten. Seit drei Jahren bringt sie es sich bei. Und wenn sie Lust hat, holt sie den wunderschönen Kirschholz-Kasten mit dem rot gestreiften Blasebalg vom Sofa und spielt für ihre Gäste – ein wenig Walzer, ein bisschen Tarantella.

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