Berlin : Die Tochter des Partisanen

Adriana Altaras leitet die Jüdischen Kulturtage

Amory Burchard

„Sie haben uns 40 Jahre lang gebraucht, um ihre Schuld los zu werden. Jetzt brauchen sie uns nicht mehr. Aber wir brauchen sie noch.“ Sie – das sind die Deutschen. Wir, das sind die alten Juden. Die Frau, die das sagt, ist Adriana Altaras, die künstlerische Leiterin der jüdischen Kulturtage. Sie spricht über die zentrale Aussage des Theaterstücks „Jud Sauer“, das sie als Auftragswerk für die am Sonntag beginnenden Kulturtage geschrieben hat. Verkehrte Welt?

Vielleicht. Adriana Altaras mutet dem Publikum jedenfalls einiges zu mit ihrem Theaterstoff: Sauer, nicht „süß“ sind ihre Antihelden. In einem jüdischen Altersheim in Berlin machen sie sich gegenseitig das Leben schwer. Dabei, sagt Adriana Altaras, sei ihr Stück – Premiere ist am kommenden Dienstag im Gorki-Theater – „fast ein Musical“. Denn alles dreht sich um einen Tanztee, den Hauptfigur Ignatz Sauer, ein vom Senat weggesparter Theaterleiter, mit seinen Mitbewohnern auf die Beine stellen will. Aber immer wieder brechen die alten Geschichten aus ihnen hervor. Geschichten von der Verfolgung – und vom Widerstand.

Die fünf Alten waren einmal Partisanen, die in den Wäldern Jugoslawiens gegen die Deutschen kämpften. Altaras ist mit diesen Geschichten aufgewachsen. Sie ist die Tochter eines solchen Partisanen. In den 60er Jahren ging die Familie aus Zagreb über die Schweiz und Italien nach Hessen. Die Tochter zog es nach dem Abi in die Alternativ-Metropole Berlin. Sie studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste, war 1983 Mitbegründerin des Off-Theaters „Zum westlichen Stadthirschen“. Stadtbekannt wurde die 42-jährige Altaras vor einem Jahr, als sie in der Arena die „Vagina Monologe“ inszenierte. Damals wurde die Zumutung zum Publikumsrenner. Und wie werden die Jüdischen Kulturtage unter Autorin, Regisseurin und Kulturmanagerin Altaras?

„Nicht so wie erwartet“, sagt sie und berichtet von ihren Entdeckungsreisen in das kulturelle jüdische Berlin. Einiges von dem, was sie gesehen hat, zeigt Altaras im Programm der Kulturtage: Das russisch-jiddische Hackesche Hoftheater um Mark Aizikovich, Kammermusik mit dem Ensemble Courage um Vladimir Stoupel, die Bilder der Berliner Künstler-Gruppe Meshulash. Das, was sie sehen wollte, gab Altaras in Auftrag: Kurzfilme und Kurzgeschichten junger jüdischer Filmemacher und Schriftsteller.

Die Lieblings-Events der Leiterin sind eine wilde Mischung aus Unterhaltung und ernsten Themen. „Russendisko“ mit Wladimir Kaminer, ein Glaubensstreit unter Rabbinern, eine Diskussion mit „öffentlichen Juden“ wie Friedman und Cohn-Bendit, eine Lange Nacht der Synagogen: Für Altaras passt das alles zusammen, weil es „modern“ ist. Offen und streitbar zu sein – das verlangt Adriana Altaras von ihrer Gemeinde und auch vom nichtjüdischen Publikum. Zu viel verlangt? Zwischen Juden und Deutschen, sagt Altaras, seien „alle Diskussionen schon passiert“. Die große Renaissance alles „Jüdischen“ seit Anfang der 80er Jahre – Gedenken an die Opfer und Interesse an den Überlebenden – sei vorbei. Alle wären dankbar, wenn sich wieder etwas bewegen würde. Am Energiebündel Adriana Altaras soll das nicht scheitern.

Für die Jüdischen Kulturtage läuft sie zur Hochform auf. Als die Autorin Altaras den Auftrag annahm, ein Stück zu schreiben, wusste sie noch nicht, dass sie es auch inszenieren würde. Und als sich die Schauspielerin Altaras für zwei Fernsehkrimis casten ließ, die im Sommer dieses Jahres gedreht wurden, wusste sie noch nicht, dass sie die Kulturtage leiten würde. Deshalb passierte in den letzten Monaten im Leben der Mutter zweier Jungen eine ganze Menge auf einmal. „Jetzt geht es an die Front“, sagt Altaras, als sie sich nach einem langen Probentag auf den Weg in die Jüdische Gemeinde macht.

Wenn sie an die Wirkung von „Jud Sauer“ denkt, ist Altaras nicht mehr ganz so kämpferisch. Ihr kürzlich verstorbener Vater hat sie zur Hauptfigur inspiriert. Als sie einen anderen alten Kämpfer, Arno Lustiger, zur Premiere einlud, wollte sie ihm erklären, dass es eigentlich ein unterhaltendes Stück sei. Lustiger wollte ihr lieber vom Widerstand erzählen. Wie im Stück. Adriana Altaras musste am Telefon weinen. Der Schmerz sagt sie, ist doch noch nicht vergangen.

Das Kartenbüro der Jüdischen Kulturtage (10. bis 19. November) im Gemeindehaus, Fasanenstraße 79/80 (Charlottenburg), hat montags bis donnerstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Telefonische Bestellung unter 88028252. Informationen im Internet unter www.juedische-kulturtage.org

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