Berlin : Die Topmanagerin Gottes

Friederike von Kirchbach ist Berlins neue Pröpstin. Eine Christin mit Großevent-Erfahrung

Claudia Keller

So feierlich,wie die Zeremonie zu ihrer Amtseinführung am heutigen Freitag wohl wird, so turbulent geht es gerade zu im Leben von Friederike von Kirchbach. Die 50-Jährige ist Berlins neue Pröpstin. Eine Pröpstin mit prallvollem Terminkalender: Konferenzen, Beratungen, Besprechungen, so geht das seit Wochen. „Im Moment ist mein Leben sehr hektisch, aber das bin ich gewohnt“, sagt die kleine Frau gut gelaunt. Und das bei der Wohnsituation: Die Wohnung in Fulda ist gekündigt, die neue in Pankow kann sie erst ab August beziehen. Bis dahin kommt sie bei Freunden unter.

Fulda, da war sie die vergangenen fünf Jahre. Als Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages. Alle zwei Jahre hat sie Großereignisse mit tausenden Veranstaltungen organisiert und mehrere hunderttausend Menschen bewirtet. Gottes Topmanagerin sozusagen. Der letzte Kirchentag ist gerade mal drei Wochen her. Sie sagt, sie freue sich auf Berlin, und vor allem darauf, künftig wieder mehr Theologin und Seelsorgerin zu sein.

Als Pröpstin ist Friederike von Kirchbach die Vertreterin von Bischof Huber und auch die theologische Leiterin des Konsistoriums – neben dem Bischofsamt die zweite inhaltliche Position in der Kirchen-Zentrale. Gleichzeitig ist sie die oberste Seelsorgerin für die Pfarrer. Die können sie gut gebrauchen, schließlich hat die Evangelische Landeskirche gerade hinter sich, was sich die Länder Berlin und Brandenburg nicht trauen: eine Fusion. Die EKBB hat sich mit der Landeskirche schlesische Oberlausitz zusammengetan, die durch ganz andere Traditionen als die Berliner Gemeinden geprägt ist. Da gibt es Spannungen.

Sie komme nicht mit „einem Koffer voller fertiger Lösungen“, sagt sie. Sie wolle erst einmal genau hinhören. Aber natürlich gibt es Vorstellungen, die ihr am Herzen liegen, Friederike von Kirchbach spricht auf den Punkt hin und macht den Eindruck, als wisse sie genau, was sie will. Etwa eine sichtbarere Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde und den Muslimen. Den christlich-jüdischen Dialog gebe es zwar, aber er müsse eine „größere Ausstrahlung bekommen“. Wie groß das Interesse der Evangelen an muslimischen Themen ist, hat der Kirchentag in Hannover gezeigt: Veranstaltungen zu Fragen des Korans, zur Scharia oder muslimischen Riten waren regelmäßig total überlaufen.

Auch lässt sich die gebürtige Ostdeutsche nicht davon abschrecken, dass die beliebteste Religion in Berlin der Atheismus ist. In der Nähe von Leipzig wuchs sie auf, der Vater war Pastor, die Mutter Kantorin, ihr Onkel ist Hans-Peter von Kirchbach, ehemals Generalinspekteur der Bundeswehr. Sie hat auch selber Kinder, die drei sind längst erwachsen, vom Vater der Kinder ist sie geschieden.

Friederike von Kirchbach hat in Leipzig und Jena Theologie studiert, war Pfarrerin in einem Dorf bei Dresden. „Im Osten habe ich die Entdeckung gemacht, dass die Leute überhaupt nicht mehr wissen, was die Kirche zu bieten hat.“ Die Sinnfragen und die Sehnsucht nach Ritualen seien aber geblieben. Deshalb müsse man eben wieder bekannt machen, „was Kirche will und dass wir kein verstaubter Verein sind“. Und sich einmischen in gesellschaftliche Debatten, etwa öffentlich über das Thema Verzicht nachdenken. Die Deutschen müssten sich daran gewöhnen, dass der Wohlstand nicht mehr steige. „Eine größere Unabhängigkeit von Statussymbolen und materiellen Dingen kann aber durchaus zufriedener machen“, sagt von Kirchbach. „Da kann Kirche etwas bieten.“ Viele Deutsche, gerade im Osten, hätten nach der Wende erfahren, dass ein Mehr an materiellen Dingen sie nicht glücklicher gemacht habe.

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