Berlin : Die Toten aus dem Schlick

Als Anfang 2003 zwei Ukrainer verschwinden, wird der Mordkommission bald klar: Die Männer sind ermordet worden Erst nach drei Monaten verrät einer der Verdächtigen, wo die Leichen sind – auf dem Grund eines Sees. Für die Polizeitaucher beginnt ein schwerer Job

Man stellt sich das so einfach vor: Die Mordkommission findet heraus, dass zwei Leichen in einen See geworfen wurden: Da kommen mal eben die Polizeitaucher, die Toten werden aus dem Wasser geholt – und das war’s. Samt Anfahrt, Suchen, Bergen, Rückfahrt und anschließendem Schreibkram dauert das vielleicht einen Arbeitstag. Aber so dramaturgisch elegant geht es im richtigen Leben selten zu, und in diesem Fall schon gar nicht.

Am 8. Januar 2003 wird in einem Wald im mecklenburgischen Mirow ein ausgebrannter Honda gefunden. Die Spuren führen nach Berlin und legen ein Tötungsdelikt nahe. Das Auto gehört einem Ukrainer, der mit einem Landsmann am 7. Januar bei einem Berliner einen Geländewagen kaufen wollte. Die 7. Mordkommission ermittelt zwei wahrscheinliche Täter, den deutschen Autohändler und seinen Bruder. Beide sind abgetaucht, beide werden Ende Januar von Zielfahndern festgenommen, beide schweigen sich aus. Die Mordkommissare vermuten die Leichen der Ukrainer irgendwo in den mecklenburgischen Wäldern mit ihren alten Bunker- und Militäranlagen und sitzen drei Monate lang auf einem „Fall ohne Leiche“.

Erst kurz vor Ostern macht der Bruder reinen Tisch. Er bestätigt, was die Polizei längst ermittelt hat: Sein Bruder hat die beiden Ukrainer erschossen, er selbst beim „Entsorgen“ geholfen. Er löst auch das Rätsel einer sichergestellten Quittung für eine dreißig Meter lange Wäscheleine: Sie haben damit die beiden Leichen aneinandergebunden. Er erzählt, wo die Toten zu finden sind: Im Peetschsee zwischen Fürstenberg und dem Großen Stechlinsee im Norden Brandenburgs. Der Mann erzählt auch, wie er und sein Bruder vorgegangen sind: Sie kippten die mit Steinen beschwerten Leichen von einer Schubkarre, durch ein Loch, das sie in die Eisdecke gesägt hatten.

Am 14. April bekommen die Taucher der 1. Technischen Einsatzeinheit (TEE) der 1. Bereitschaftspolizeiabteilung den Auftrag und stehen gleich vor der ersten Hürde: „Der Peetschsee hat keinen Zugang“, sagt Frank „Bähri“ Bähring, Polizeiobermeister und seit 2002 bei den Tauchern. „Die Wasserschutzpolizei kommt mit den großen Booten da nicht hin, wir mussten unsere eigenen kleinen mitbringen.“ Also mit einem ganzen Konvoi ausrücken – bis Neuruppin über die Autobahn, danach über Bundes-, Land- und Dorfstraßen. „Am Ende haben wir uns durch den Wald gekämpft mit den schweren Fahrzeugen und Booten hintendran, und im Uferbereich war's ziemlich morastig.“ Es dauerte drei Stunden, um das Tauchziel zu erreichen. Das Anziehen ist Routine. „In fünfzehn Minuten ist ein erfahrener Taucher fertig“, sagt Thomas „Otti“ Otto, Polizeioberkommissar, seit 1990 dabei und Vize-Chef der Truppe. Dann kann er ins Wasser mit immerhin fünfzig Kilo Zusatzlast am Leib – Atemluftflaschen, Maske mit „Tauchertelefon“, Flossen, Tauchanzug mit Bleigewichten. Taucher arbeiten paarweise – einer geht an einer Leine runter, einer bleibt oben als Signalmann. Beide sind in ständigem „Telefonkontakt“ über die in der Maske steckende Hör-Sprech-Garnitur. Was immer der Taucher unten von sich gibt, der Signalmann hört mit und warnt seinerseits vor Booten, Bojen, Pollern und anderen Hindernissen. Vor allem aber führt er ihn an der straffen Leine. „Wenn die durchhängt, schwimmt der Taucher Schlangenlinien“, erklärt Otti, „wir arbeiten wie Scheibenwischer . Der Taucher schwimmt einen halbkreisförmigen Suchbereich ab, und wenn er da nichts findet, wird er einen Meter rangezogen und bewegt sich in der Gegenrichtung zurück.“ Schon kleine Durchmesser dauern Stunden, wenn alles glatt geht. Im Peetschsee geht gar nichts glatt. „Wir hatten ein Gebiet aufgeteilt, damit mehrere Taucher gleichzeitig arbeiten können“, erzählt Bähri. Aber keinem gelingt es, bis zum Grund des Sees vorzudringen. Bei sechzehn Metern ist Schluss. Der See allerdings ist etwa 23 Meter tief, da unten liegen die Leichen, und dazwischen ist – Schlamm. Eine etwa sechs Meter dicke Schicht aus ineinander gesogenen, verhakten, vermanschten Naturalien und Zivilisationsmüll. Das ist normal in hiesigen Gewässern. Polizeitauchen ist harte Arbeit und das absolute Gegenteil zum Korallen-Gucken und Fische-Bestaunen in lichten, bunten Ozeanen. „Wir heißen nicht umsonst Schlammrutscher“, lacht Otti.

Bähri erinnert sich an das erste Prinzip Hoffnung im Peetschsee: „Das Wasser oberhalb der Schlammschicht war relativ klar, somit konnte man schauen, ob vielleicht irgendwo eine Art Abdruck ist, wo ein Körper reingegangen sein kann.“ Ohne Erfolg. „Das ist nach 'ner Weile schon ziemlich frustrierend, wenn man merkt, man kommt überhaupt nicht weiter“, seufzt Mandy Elsner, Polizeiobermeisterin und mit Bähri ein eingespieltes Team. Die beiden kennen sich seit der Ausbildung und haben den obersten Leitsatz verinnerlicht: „Ein Polizeitaucher hat zehn Augen: an jeder Hand fünf!“ Hierzulande ist unter Wasser nämlich herzlich wenig zu sehen. „Wenn's ganz schlecht kommt“, sagt Mandy, „sieht man die Hand vor Augen nicht. Die meisten Taucher machen die deshalb auch einfach zu und tasten nur.“ Aber genau das geht eben nicht im Peetschsee. Sie probieren es mit Stangen – vergeblich. Mit denen kann man sich nicht richtig voranbewegen.

Gut zehn Tage vergehen so, zwischen Hoffnung und Frust, mit je sechs Stunden An- und Abfahrt, zig Tauchgängen und noch mehr Überstunden, über die auch Familienmitglieder alles andere als begeistert sind. Ein Sonargerät der Uni Cottbus ortet zwar korrekt alle möglichen Äste, löst das Grund-Problem aber ebenso wenig wie vier Spürhunde, die an mehreren Stellen der Seeoberfläche anzeigen. Dann muss die Suche unterbrochen werden, denn mittendrin sind „Maifestspiele“, also Großeinsatz wegen der Krawalle am 1. Mai. Hinbeordert werden auch die elf Männer und zwei Frauen der Tauchergruppe, die – nebenbei – auch eine ABC-Truppe ist. „Atomare, biologische und chemische Gefahrenabwehr ist unser zweites Standbein“, sagt Otti, „und mit Umweltkriminalität haben wir auch zu tun.“ Ölbehälter, Laborabfälle, für deren Entsorgung jemand kassiert, die er dann aber nicht gemacht hat. Sie befreien auch mal blockierte Schiffsschrauben der Wasserschutzpolizei-Kollegen. „Aber zu 99 Prozent besteht unsere Arbeit aus Beweismittelsuche und der Sicherung von Staatsbesuchen." Beweismittel ist alles, was für eine Straftat benutzt wurde oder Spuren tragen könnte: Werkzeuge, Waffen, Patronenhülsen, Diebesgut von Schlüsseln über Autoradios bis zu Tresoren, Autos, Fahrrädern. Auch Leichen können Beweismittel sein, und wenn nur, um einen Vermisstenvorgang ab- und Fremdverschulden ausschließen zu können. Die kleine Anastasia, die im Sommer 2006 im Tegeler Hafen in ein Entwässerungsrohr geraten ist, haben die Taucher der 1. TEE mitgesucht wie den 17-jährigen Leukämiepatienten, der im November 2005 aus dem Klinikum Buch weggelaufen war und sich wohl wirklich zum Sterben in einen der kleinen Teiche in der Nähe gelegt hatte.

Bei Staatsbesuchen dreht sich alles für die Truppe um USBV – unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen an Brücken oder Schiffen. All das, was einem Staatsgast und seinem Konvoi entlang der Protokollstrecke um die Ohren fliegen könnte. Wenn die Taucher ein verdächtiges Objekt finden, dürfen sie es zwar markieren, aber nicht berühren. Dies ist nur den speziell ausgebildeten Entschärfern von der Kriminaltechnik erlaubt, die seit ein paar Jahren eigene Taucher haben.

Nach den „Maifestspielen“ geht es für Otti, Bähri, Mandy und Kollegen wieder zurück zum Peetschsee. Was tun? Wie zwei in einer undurchdringlichen Schlammschicht festgesogene Körper finden? Es gibt ein Gerät, das Taucher und Wasserschutzpolizisten nutzen, um ein Gebiet zu durchkämmen. Es ist eine Art riesiger Harke mit Widerhaken, die man vom Boot aus durchs Wasser zieht. „Aber die hätte auch nichts gebracht“, sagt Otti. „Die hätte bloß alles aufgewühlt und eventuell die Leichen verschoben, statt sie zu orten.“ Vor allem aber: „Die wäre auch nicht tiefer eingesunken als bis etwa sieben Meter über dem Boden.“ Trotzdem, das Prinzip ist elektrisierend, denn es gibt da ein Detail, das Hoffnung macht: die Wäscheleine zwischen den Leichen. Wenn man die erwischen könnte... Wer schließlich den Gedankenblitz hatte, einen Enterhaken zu holen, ist nicht mehr zu klären. Wahrscheinlich war’s eine gemeinsame Idee, sagt Otti. Denn erstens gilt für Polizeitaucher ohnehin dasselbe wie für Fußballer: Spiele werden im Kopf gewonnen und dann erst durch Kraft und Kondition. Und zweitens funktioniert Polizeiarbeit durch Teamarbeit, und dazu gehört gemeinsames Brainstorming.

Herausgekommen jedenfalls ist eine Art Piratenwaffe: Der Enterhaken („Wurfanker heißt das bei uns!") samt schwerer Kette und zwei Zehnkilo-Bleikugeln wurde an einem fünfzig Meter langen, dicken Seil befestigt. „Das haben wir dann vom Boot aus hinterhergezogen, mehrmals kreuz und quer durch den ganzen See.“ Immer wieder ruckt es, sie holen Äste und verschlungene Unterwasserpflanzen nach oben. Sie harken tagelang. Dann irgendwann ruckt es wieder, diesmal scheint es etwas Schwereres zu sein. Die Bergung ist noch ein bisschen Quälerei, die beiden Ukrainer waren nicht eben unterernährt, aber alle sind erleichtert, dass die Piratenwaffe die Leine erwischt und nicht einen Kopf abgerissen hat. „Ich glaube“, sagt Otti, „da hätten dann manche grüne Gesichter gekriegt.“

Die 7. Mordkommission kann die Ermittlungen abschließen, der deutsche Autohändler sitzt für acht Jahre in Haft, und in den Stolz der Polizeitaucher über ihre gelungene Aktion mischt sich nur manchmal ein winziges Wermutströpfchen, findet Otti: „Klar, 'n Einsatz, wo der Taucher auf dem Boot sitzt und guckt, was hochgeholt wird, ist nicht dasselbe, wie wenn er selber auf dem Grund sucht.“

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