Berlin : Die traurige Stille ohne den Schall

Über 300 Kollegen und Freunde nahmen Abschied vom Schauspieler Ekkehard Schall auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Lothar Heinke

„Von großer Art“ ließ die Akademie der Künste auf eine Kranzschleife drucken, „Er spielte die Wahrheit. Danke“, sagte das Berliner Ensemble am Ende eines langen Weges: Ekkehard Schalls sterbliche Überreste wurden gestern in die Erde des Dorotheenstädtischen Friedhofs gesenkt. Eine so schlichte wie ungewöhnliche Abschiedsstunde: keine Reden in der Friedhofskapelle, die Ehefrau Barbara Brecht-Schall ganz in Lila, das Publikum, 300 Leute, mit gelöster Leichtigkeit.

Da traf sich eine große Bühnen-Familie, einig in der Trauer über den Verlust, den das deutsche Theater mit dem plötzlichen Tod des Schauspielers erlitten hatte. „Es ist alles leer, die Lücke ist groß“, sagt Hans-Joachim Frank vom Berliner „theater 89“, der mit seinem Hauptdarsteller, diesem „jungen, verrückten und besessenen Mimen“ noch viele Pläne hatte. Am Grab erinnert Frank an einen Höhepunkt in Schalls Schauspielerleben, das „Galilei“-Gastspiel in Rom: „Die Nähe des Vatikans war eine große Genugtuung, gab uns allen Schwung“.

Dann kommt aus einem Kassettenrekorder die Stimme Schalls mit zwei eigenen Texten, die „Ballade von den Abenteurern“ und das „Lied der müden Empörer“ mit dem Schluss: „Gott pfeift die schönste Melodie stets auf dem letzten Loch“. Für das Grab hat Barbara Schall einen großen Strauss roter Rosen bestellt, Tochter Johannas letzter Gruß sind 40 riesige Sonnenblumen in einer gläsernen Vase am Grab. Das liegt gegenüber dem von Anna Seghers und der liberalen Politikerin Wilhelmine Schirmer-Pröscher, neben Schall ruhen der Publizist Maximilian Scheer, die Dichter Erich Arendt und Karl Mickel, die Sängerin Lin Jaldati. 50 Schritte entfernt Schalls Schwiegereltern Helene Weigel und Bert Brecht.

Inge Keller ist da, Klaus Maria Brandauer, Hilmar Thate, Eberhard Esche und Rolf Hochhuth. Angelika Domröse verbindet mit Schall „den riesigen Neuanfang am Theater nach dem Krieg“. Lothar Bisky und Gregor Gysi legen ihre Kränze nieder, der Schriftsteller Christoph Hein denkt bei Ekke Schall an Ui und Coriolan, den Eilif, Puntila oder Galilei – und an einen „tollen Arbeiter“. Die Kollegin Carmen-Maja Antoni ist mit dem Mimen auf der Bühne groß geworden, Ende Mai haben sie noch Schalls 75. Geburtstag gefeiert.

Vom „Berliner Ensemble“ sind auch die Techniker gekommen, und Intendant Claus Peymann sagt: „Vielleicht war er der anregendste Schauspieler, den ich überhaupt kenne“. Nach einer schwierigen Zeit sollte (und wollte) Schall wieder am BE spielen, eins von Shakespeares Königsdramen, „er wäre eine Traumbesetzung“. Peymann nennt Schall den Star des Theaters der DDR: „Nun ist er mit dem bundesdeutschen Star Bernhard Minetti vereint, hier auf dem Friedhof – und da oben“.

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