Die typische Familie in Berlin : Zu Besuch bei den Müllers

Wenn es die typische Familie Berlins gäbe – wie sähe sie aus? Wie leben die Mustermanns, was treiben sie an einem Durchschnittstag, wie heißen ihre Kinder? Und: Gibt es sie wirklich? Wir haben nachgeforscht.

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Allerweltsberliner. Rein statistisch gesehen heißt die Durchschnittsfamilie Müller, er Thomas, sie Sabine. Dazu gehören zwei Kinder, Maximilian und Marie. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Allerweltsberliner. Rein statistisch gesehen heißt die Durchschnittsfamilie Müller, er Thomas, sie Sabine. Dazu gehören zwei...

Die Berliner Durchschnittsfamilie wohnt in Polstermöbeln, lebt von 2175 Euro netto und macht Urlaub in Italien. Er schaut gerne fern, sie geht lieber shoppen.

Im Wohnzimmer der typischen Berliner Familie steht eine komplette Polstergarnitur mit Ecksofa und Sesseln, in den vergangenen Jahren vor allem in Terrakotta- und Eierschalenfarben. Eine Schrankwand aus hellem Holz passt zur Garnitur, eingerahmt wird alles von weißer Raufasertapete. Hin und wieder dürfen es auch mal Pastelltöne sein. Auch Persönliches darf natürlich nicht fehlen: Auf einem Sideboard sind Familienfotos und Sammelgegenstände aufgestellt. Das Wohnzimmer der Berliner Durchschnittsfamilie wurde von der Werbeagentur „Jung von Matt“ ermittelt, die ihre Kunden besser kennenlernen will.

Lernen auch wir Herrn und Frau Durchschnitt mithilfe des Amts für Statistik in Berlin und Brandenburg etwas besser kennen. Herr Durchschnitt heißt Thomas und ist 50 Jahre alt, seine Frau Sabine ist etwas jünger als er, genauer gesagt 45. Sie haben nur ein Kind, das je nachdem Jan oder Julia heißt und jünger ist als 18 Jahre. Die Vornamen basieren auf den Lieblingsnamen verschiedener Jahrgänge, die im Internet abrufbar sind. Wären Jan oder Julia nicht vor 16 Jahren, sondern erst letztes Jahr geboren, würde er oder sie Maximilian oder Marie heißen. Der wahrscheinlichste Nachname für die Familie ist – ganz dem Klischee entsprechend – Müller. Im Berliner Telefonbuch werden 15 Seiten lang Müllers aufgelistet, die Uni Bielefeld hat diesen Nachnamen als den häufigsten Berlins festgestellt.

Die Statistiker wissen durch den Mikrozensus, einer repräsentativen Erhebung, noch mehr: Die typische Familie lebt in einer 91 Quadratmeter großen Wohnung in Marzahn-Hellersdorf, dafür bezahlt sie 600 Euro Miete. „Eines der beiden Elternteile ist der Haupteinkommensbezieher“, sagt Heike Hendl vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg – in den meisten Fällen ist es wohl Thomas. Das Geld, das die drei monatlich zum Leben haben, liegt bei etwa 2175 Euro netto.

Möchte man noch mehr über die Familie wissen, wird es ein wenig ungenau: Das Statistische Jahrbuch der Bundesrepublik erhebt zwar keine Zahlen für Berlin, aber für Deutschland.

Wir erfahren, dass Thomas Müller 1,78 Meter groß ist und knapp 82 Kilo wiegt. Sabine Müller bringt bei einer Größe von 1,65 Metern 67 Kilo auf die Waage. Etwa die Hälfte ihres Geldes geben die beiden monatlich für Wohnen, Essen und Kleidung aus – vor allem Sabine geht gerne mit Jan oder Julia shoppen. Auch das Auto lässt sich die Familie einiges kosten: Monatlich 463 Euro inklusive Wartung.

Und was macht die Durchschnittsfamilie den ganzen Tag? Sabine liest gern in Zeitschriften, Zeitungen und Büchern – mit knapp viereinhalb Stunden wöchentlich etwas mehr als ihr Mann. Der sieht dafür lieber fern als Sabine: Die DVDs eingerechnet, kommt er auf 14 Stunden in der Woche. Dafür ist er kulturell aktiver: zweieinhalb Stunden wöchentlich, immerhin geht er tanzen oder ins Theater, besucht ein Konzert oder eine Ausstellung. Ihren Urlaub verbringen die drei am ehesten in Deutschland: Sie fahren gern nach Bayern. Und ihr Lieblingsziel im europäischen Ausland ist Italien.

Ob Thomas, Sabine, Jan und Julia Müller in genau dieser Form tatsächlich in Marzahn-Hellerdorf zu finden sind, ist nicht sicher. Fest steht jedoch, dass die Mustermanns weniger werden in Berlin: Zwar gebe es die klassische Kleinfamilie noch, sagt der Soziologe Hartmut Häussermann. Aber der Trend zeige eine zunehmende Zahl an Alleinerziehenden und Paaren auf, die eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein vorzögen. All dies kann Familie sein.

Und selbst wenn geheiratet würde, hieße das nicht, so Häussermann, dass man mit diesem Partner für immer zusammenbleibe. Das hat Konsequenzen auch für Thomas: Er ist zwar seit 17 Jahren mit Sabine verheiratet, sie ist aber nicht seine erste Frau. Thomas stand schon 1987 das erste Mal vor dem Traualtar. Damals gehörte er mit seinen 27 Jahren genau zum Durchschnitt lediger, heiratswilliger Männer. Heute sind die eheschließenden Männer 37 Jahre, die Frauen 30 Jahre alt.

Ob Thomas und Sabine es schaffen, bis ins Rentenalter zusammenzubleiben, ist ungewiss. Wenn ja, dann würde Thomas acht Jahre vor Sabine sterben. Da Sabine Kinder hat, zählt diese Gemeinschaft weiterhin als Familie. Aber Sabine wäre damit – statistisch gesehen – wieder Single.

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