Berlin : Die unaufgeklärten Morde: "Im Spannungsfeld von Hoffnung und Verzweiflung"

Macht es für die Angehörigen einen Unter

Macht es für die Angehörigen einen Unterschied, ob jemand ermordet wird oder anders umkommt, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall?

Der Tod eines nahen Angehörigen ist immer die stärkste Stresssituation, die sich denken lässt. Wenn ich die Angehörigen zum ersten Mal treffe, ist oft auch noch nicht klar, ob es sich um einen Unfall, einen Mord oder einen Selbstmord handelt. Wenn die Todesnachricht überbracht wird, geraten die Angehörigen in eine Art mentale Starre, das heisst, ein spontanes umfassendes Begreifen dessen, was geschehen ist, erscheint unmöglich. Es spielt also erst einmal keine Rolle, wie derjenige zu Tode gekommen ist.

Wie verhalten sich die Angehörige dann in diesem Moment?

Das ist sehr unterschiedlich, in Abhängigkeit von Persönlichkeitsstruktur, Temperamentslage, bisheriger Lebenserfahrung u.a.m. Manche sprechen überhaupt nicht mehr, andere werden aggressiv, gegen die Polizeibeamten oder gegen andere Angehörige. Da ist die ganze Bandbreite menschlicher Reaktionen denkbar.

Und wie ist es dann, wenn klar ist, dass es sich um einen Mord handelt?

Dann kommt es auf den einzelnen Fall an. Besonders bei so genannten Unbekannt-Taten, bei denen zunächst keine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer zu erkennen ist, entwickeln die Angehörigen häufig erhebliche Ängste, weil sie sich unter Umständen auch selbst bedroht fühlen und keine Vorstellung haben, warum, unter welchen Umständen der Mord erfolgte. Dann bedeutet natürlich auch die Verhaftung des Mörders eine große Erleichterung. Erleichterung nicht im Sinn von Rache oder Genugtuung, sondern weil sie eine Erklärung für das bekommen, was passiert ist und die Situation so besser kontrollieren können.

Für die Polizei gehört es zur Routine, auch die Angehörigen eines Mordopfers zu überprüfen. Wird das als Zumutung empfunden?

Wir erklären dann natürlich, warum wir sie jetzt als Zeugen befragen müssen, und ich versuche, sie psychisch zu stabilisieren. Im Regelfall sind die Angehörigen aber sehr kooperativ und wollen, dass der Fall schnell geklärt wird. Dass jemand außerordentlich empört war, befragt zu werden, habe ich nur sehr selten erlebt.

Gelegentlich ist es ja auch so, dass ein Ermordeter sehr lange vermisst wird, bevor die Leichte gefunden wird. Gehen die Angehörigen dann irgendwann davon aus, dass der Vermißte tot ist, oder hoffen sie weiter?

Die Angehörigen bewegen sich dann im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Am Anfang, nach der Erstattung der Vermißtenanzeige, sind sie normalerweise sehr aktiv, stellen eigene Hypothesen auf, suchen die Gegend ab, hängen selber Fahndungsplakate auf. Richtig schwierig wird es, wenn nach etwa einer Woche die Ungewißheit über das Schicksal bestehen bleibt. Wenn sich so eine Sache über Wochen oder Monate hinzieht, werden die Betroffenen von allen möglichen Symptomen überrollt: übersteigerte Wachsamkeit, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, Teilnahmslosigkeit/Interessenlosigkeit, Kontaktstörungen. Sie wechseln dann phasenweise zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Manchmal entwickeln sie auch völlig irreale Hoffnungen. Bei vermißten Kindern denken sie zum Beispiel, dass die Kinder mit irgendjemandem auf Trebe gegangen sind oder in die Kinderpornografie abgeglitten, obwohl es dafür vom Lebenslauf der Kinder keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Solange keine Leiche gefunden ist, können die Angehörigen auch nicht beginnen zu trauern, und das macht das Ganze so schwierig.

Kann das Auffinden der Leiche dann so etwas wie eine Erlösung aus der Ungewißheit sein?

Es ist natürlich immer schrecklich, wenn dann die Gewissheit da ist. Gleichzeitig können sich die Menschen aber wieder darum kümmern, wie ihr Leben weitergeht, wie sie damit umgehen. Sie können ihren Blick allmählich wieder auf die Zukunft richten, während sie vorher von Tag zu Tag leben.

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