Berlin : Die unaufgeklärten Morde: Keine Zeugen, kein Motiv

Lars von Törne

Wann Stanislaw Madrzycki genau starb, weiß wohl nur sein Mörder. Die Polizei kann lediglich Vermutungen anstellen. Ebenso über die Frage, warum der 43-Jährige sterben musste. Als der Geschäftsmann am 24. Februar 1998 erschossen in seinen Büroräumen in einer Neuköllner Ladenwohnung aufgefunden wurde, war er schon seit zwei bis vier Tagen tot. Nichts deutete auf den - oder die - Täter hin, nichts auf das mögliche Motiv. Bis auf wenige persönliche Gegenstände des Opfers fehlte nichts. Nicht mal für den genauen Zeitpunkt des Mordes gibt es Zeugen, die Schüsse oder andere verdächtige Geräusche gehört hätten. "Dieser Mord ist ziemlich undurchsichtig", sagt Kriminalhauptkommissar Mathias Badura und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. Seit zwei Jahren arbeiten der Leiter der 2. Mordkommission und seine Leute nun schon an dem Fall. Bisher ohne greifbare Ergebnisse.

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"Es gibt leider Gottes Morde, die sind einfach nicht zu klären", seufzt Badura. Er streicht sich über den kahlgeschorenen Kopf und steckt sich eine "Philipp Morris" an. Den Schlips des 38-Jährigen ziert eine Krawattennadel mit zwei goldenen Handschellen darauf. Hinter dem Kommissar hängt ein Foto von Madrzycki an der Wand. Es zeigt einen braungebrannten Mann mit Meckischnitt und verschmitztem Blick. "Er war ein Durchschnittsbürger", sagt Badura. Dann erzählt er, was die Polizei von der Lebensgeschichte des Opfers weiß.

Madrzycki war um 1988 mit seiner Frau aus dem polnischen Bromberg nach Deutschland gekommen. Er lebte zunächst mit ihr und den drei gemeinsamen Kinden zusammen, aber schon bald trennten sich die beiden und hatten kaum noch Kontakt zueinander. Er hatte eine Freundin in Polen, die er gelegentlich am Wochenende besuchte. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte Madrzycki offenbar im Büro oder alleine in seiner Neuköllner Wohnung. Oft kam er gar nicht von der Arbeit nach Hause und schlief auf einem Sofa in der Ladenwohnung. Viele Freunde hatte er offenbar nicht.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Stanislaw Madrzycki mit der kleinen Firma "Premier Best Water". Er und sein Geschäftspartner verkauften aus den USA importierte Trinkwasserspender in Deutschland und Polen. "Ein ominöses Unternehmen", sagt Badura. Steckt hier möglicherweise eine Spur, warum Stanislaw Madrzycki sterben musste? Badura zuckt skeptisch mit den Schultern. Der Vertrieb der Anlagen erfolgte über freie Mitarbeiter, die Madrzycki und sein Partner in ihren Büroräumen in der Neuköllner Jansastraße schulten. Viele dieser angelernten Mitarbeiter trieb der Traum vom schnellen Geld. Der Weg dorthin war jedoch steinig. Ein teurer Präsentationskoffer musste aus eigener Tasche bezahlt werden, Provisionen gab es nur bei außergewöhnlicher Leistung. Wurde einer der angelernten Verkäufer zum Mörder, weil er zu schnellem Geld kommen wollte? "Es gibt bei solchen Firmen gelegentlich Stress, weil sich jemand betrogen fühlt - aber einen Zusammenhang mit der Tötung sehe ich nicht", sagt Badura.

Plausibler scheint dem Kommissar eine andere Spur zu sein. "Das Opfer hat vor seinem Tod krampfhaft versucht, Geld aufzutreiben", sagt Badura. "Er hat viele Leute angesprochen, ob sie ihm etwas leihen können. Warum? Das wissen wir nicht." Klar ist nur, dass Madrzycki erhebliche Schulden hatte. Bei wem, lässt sich nicht mehr feststellen. Setzte man Madrzycki unter Druck, drohte ihm mit Gewalt? "Wir wissen, dass er sich vor dem Mord gelegentlich am Telefon verleugnen ließ", sagt Badura. "Das zeigte: Der ist in irgend etwas hineingeschlittert." In was? Auch das weiß möglicherweise nur der Mörder.

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