Berlin : Die unaufgeklärten Morde: Vom Rest der Leiche fehlt jede Spur

Katja Füchsel

Ein Anblick wie aus dem Bilderbuch. Das blaue Gefieder des Pfaus spiegelt sich auf dem Hof in einer Pfütze. Hinter den Ställen des Tiergeheges Hasenheide grasen Schafe und Rehe. Ein kleines Idyll, mitten in Neukölln, umgeben von alles anderem als einer heilen Welt. "Die Drogendealer sind hier Dauermieter", sagt Jürgen Gaser, seit fast 30 Jahren gewissermaßen Chef der Hasenheide. Der Revierleiter sagt, er könne inzwischen Romane schreiben. Über den Park. Die Verrückten. Und den 1. Dezember 1999.

Gaser saß gerade in seinem Büro, als an jenem Wintertag eine aufgeregte Spaziergängerin bei ihm vorsprach. Ihr Hund hatte im Park angeschlagen, drüben im Heidegarten, unter einem Rhododendrongebüsch. Gaser schaute selbst nach, konnte aber seinen Augen nicht trauen. "Ich dachte zuerst, dass das ein Plastikkopf ist." Kein Kunststoff, das Haupt eines Menschen lag im Gebüsch, teilweise skelettiert. Es dauerte nur wenige Minuten, dann war Gasers Hasenheide von Polizisten bevölkert - wieder einmal. "Wir haben in dem Park fast täglich wegen Drogen einen Einsatz", sagt ein Sprecher der Polizei.

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Und jetzt also ein Notruf wegen Mordes. Der abgetrennte Kopf gab den Männern von der achten Mordkommission Rätsel auf: Ein Mann, etwa 50 Jahre alt, schwarze Haare, Schnurrbart. "Für eine solche Person lag aber keine Vermisstenanzeige vor", sagt Bernhard Jaß, Chef der "Achten". Das Büro in der Schöneberger Keithstraße teilt Jaß sich mit einem Kollegen, ihre Schreibtische bilden ein weit geöffnetes V.

Weiter kamen die Ermittler mit ihrem neuen Fall erst, als sich eine Woche nach dem grausigen Fund eine 36-jährige Frau auf einem Kreuzberger Abschnitt meldete, die seit einigen Tagen nach ihrem Bruder suchte. Eine Zahnanalyse bestätigte die schlimmsten Befürchtungen der Familie: Hassan Awad, 46 Jahre alt, war ermordet worden. Ein stiller Mann, der vor den Machthabern aus Syrien geflohen war, kaum Deutsch sprach und am liebsten spazieren ging.

Der Fall Awad entwickelte sich zu einem der ungewöhnlichsten in der Berliner Kriminalgeschichte: Am 2. Januar fanden Spaziergänger an einem Seiteneingang der Hasenheide eine rechte Hand - die Fingerkuppen fehlten. Jaß: "Offenbar wollte der Täter die Identifizierung erschweren." Ein Vorhaben, dass zu den Zeiten von Sherlock Holmes vielleicht geglückt wäre, eine DNA-Analyse aber ergab: Die Hand gehörte Awad. Am 8. Januar, die Schutzpolizei suchte an diesem Tag in der Hasenheide nach "Drogenbunkern", fand man in einer Senke zwei Arme und ein Bein. Tiere hatten die Leichenteile freigelegt.

Nach diesem Fund überflog immer wieder ein Hubschrauber den Park mit einer Wärmebildkamera - sie registriert auch geringe Temperatur-Schwankungen, also Wärme, die beim Verwesungsprozess entsteht. Doch vom Rest der Leiche fehlte jede Spur. Am 17. Januar entdeckte schließlich die Wasserschutzpolizei in Charlottenburg einen Torso, der in der Spree trieb. Zumindest ein Rätsel klärte dieser letzte Fund: Der Mörder hatte Awad erstochen. Andere Fragen blieben bis heute offen. "Das Schlimme ist, wir haben keinen Schimmer, wann und wo das passiert ist", sagt Jaß.

In Syrien arbeitete Awad als Taxifahrer, in Deutschland führte er seit 1993 ein unauffälliges Leben. Er pflegte kaum Freundschaften, aber einen engen Kontakt zu Schwester und Schwager. Awad lebte von seiner Frau getrennt, er trank keinen Alkohol und nahm keine Drogen. Am 17. November hatte der Syrer zuletzt mit seiner Schwester telefoniert. Als er danach zu Hause die Tür nicht öffnete und auch auf Briefe nicht reagierte, machte sich die Familie - ein Bruder war extra aus Schweden angereist - auf die Suche.

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Die Geschwister wussten, dass Hassan Awad eine Schwäche für Trödel hatte. Kurz bevor er verschwand, hatte er sich von der Schwester 1700 Mark geliehen, die er seinem Bekannten, einem syrischen Trödelhändler, auslegen wollte. "Vielleicht hatte er die Hoffnung, in dem Geschäft Teilhaber zu werden", sagt Jaß. Als die Ermittler das Geld weder auf Hassan Awads Konto noch in seiner Kreuzberger Wohnung finden konnten, rückte der Trödelhändler in der Heidestraße in den Mittelpunkt des kriminalistischen Interesses.

Doch der Mann versicherte glaubhaft, Awads Geld nie angenommen zu haben. Die Spurensicherung kam dennoch - und fand nichts. Nicht eine einzige verdächtige Faser. Jaß sagt, dass es nahezu unmöglich ist, eine Leiche zu zerstückeln, ohne Spuren - Knochensplitter, Blut oder Gewebeteilchen - zu hinterlassen.

Inzwischen gehen Jaß und seinen Kollegen allmählich Ideen aus. "Der Fall ist richtig rätselhaft", sagt der Kommissar. Er glaubt, dass Awad seinen Mörder kannte. Dass der Unbekannte wahrscheinlich in der Nähe der Hasenheide wohnt. Dass er Awad zu Hause unbemerkt töten und seine Leiche zerstückeln konnte. Nur: Awad hat nie von Freunden gesprochen, zu dem oder den Unbekannten fehlt jede Spur. Es bleibt nur eine schlüssige Erklärung: "Der Mann hat vielleicht Kontakte gepflegt, von denen die Familie nichts wusste." Eine Hoffnung hegen die Ermittler noch: Eines Tages beispielsweise auf ein Badezimmer oder Kellerverschlag mit den verräterischen Spuren zu stoßen. Auch noch nach Jahren? "Ausgeschlossen ist das nicht", sagen Jaß und sein Kollege.

Der Revierförster hält sich bei der Erzählung in seinem Büro nicht sonderlich lange beim 1. Dezember 1999 auf. Denn Gaser kennt noch andere Geschichten, über die Menschen im Park. "Wenn die ihren Rappel kriegen, schlachten die hier unsere Tiere", sagt er. Manchmal erwische es die Schafe im Gehege, manchmal das Dammwild.

War Awad denn der erste tote Mensch in der Hasenheide? Der Revierleiter winkt ab - und beginnt aufzuzählen: Da gab es die tote Asiatin an der Friedhofsmauer, den Selbstmörder am Baum, die alte Dame mit dem blutigen Messer auf der Bank... Vielleicht sollte Gaser Kriminalromane schreiben.

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