Berlin : Die unaufgeklärten Morde: Vom Tatort auf den Mörder schließen

Was unterscheidet Ihre Arbeit von der eines Beamte

Am Tatort eines Mordes können die Ermittler nicht nur konkrete Spuren wie Fingerabdrücke oder Textilfasern finden. Der Tatort kann ihnen auch etwas über das Verhalten und die Psyche des Täters verraten. Kriminalpsychologen erarbeiten Tatortanalysen und stellen Vergleiche mit anderen Fällen an, um die Mordkommissionen bei der Fahndung zu unterstützen. Das Verfahren kommt ursprünglich aus Amerika. Einer der ersten, die es auch in Europa anwandten, war der Wiener Kriminalpsychologe Thomas Müller. Mit ihm haben wir über seine Arbeit gesprochen.

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Was unterscheidet Ihre Arbeit von der eines Beamten in einer ganz normalen Mordkommission?

Wenn wir beide auf verschiedenen Seiten einer Litfaßsäule stehen, dann sagen Sie, ich sehe, dass nächste Woche ein Zirkus nach Berlin kommt, und ich sage, ich sehe dass nächste Woche die drei Tenöre nach Berlin kommen. Wir schauen auf die gleiche Sache, aber von unterschiedlichen Seiten. So ähnlich ist es mit der Sichtweise eines Kriminalbeamten und eines Kriminalpsychologen, die beide den gleichen Fall betrachten. Der Kriminalbeamte muss Tatverdächtige finden und die Ermittlungen koordinieren; der Kriminalpsychologe kann ihm dabei helfen, indem er das Verhalten eines Täters beurteilt.

Worauf achten Sie bei der Bearbeitung eines Falles, welche Einzelheiten bringen Sie weiter?

Wer jemanden umbringt, muss drei große Entscheidungen treffen: Wen bringe ich um, wie bringe ich ihn um, und was mache ich, nachdem ich ihn umgebracht habe? Wir schauen nach, wie ein Täter diese Fragen für sich entschieden hat. Entscheidend ist dabei die Analyse des Tatorts. Wir greifen dazu auf alle verfügbaren Informationen zurück: Landkarten, Erkenntnisse über die ersten fünf Stunden nach der Aufdeckung des Verbrechens, externe Gutachten, zum Beispiel von Sprengstoffexperten oder Chemikern, Obduktionsberichte. Außerdem brauchen wir sehr gute Bilder vom Tatort und von der Obduktion und möglichst viele Informationen über das Opfer. Das ist ja eine Hauptfrage: Warum ist gerade diese Person Opfer eines Verbrechens geworden?

Wenn wir die Informationen zusammenhaben, versuchen wir, Ähnlichkeiten mit anderen, aufgeklärten, Fällen festzustellen. Fällen, bei denen wir wissen, warum diese Entscheidungen so getroffen worden sind.

Aus dieser Tatortanalyse können sich dann Hinweise für die Ermittlungen ergeben.

Das heißt, sie sind bei den Ermittlungen der Mordkommission auch nicht dabei?

Genau. Wir bekommen die Fakten hinterher auf den Schreibtisch. Dafür haben wir ein Formular entwickelt, das wir herausschicken, wenn eine andere Dienststelle anruft. Darauf steht genau, was wir alles benötigen. Die Kollegen stellen diese Informationen dann zusammen, wir machen die Analyse und setzen uns anschließend mit den Ermittlern zusammen, um das durchzudiskutieren. Oft kommen die Ermittlungsleiter auch mit konkreten Fragen, zum Beispiel: Wir haben hier zehn Vergewaltigungen, nur drei davon können wir mit einer DNA-Analyse nachweisen. Könnten die anderen sieben nach dem Verhalten des Täters auch damit zusammenhängen?

Mit Tatverdächtigen kommen Sie aber nie direkt in Kontakt?

Nein, und ich beurteile sie auch nicht. Das ist die Aufgabe der forensischen Psychiatrie. Die Psychiater beurteilen die Verdächtigen. Wenn ihre Analyse mit dem übereinstimmt, was wir bei der Tatortanalyse herausgefunden haben, ist ein zusätzliches Indiz da, dass der Verdächtige das Verbrechen tatsächlich verübt hat. Wir sehen die Täter erst, wenn wir sechs oder sieben Jahre nach der letztinstanzlichen Verurteilung in die Gefängnisse gehen und Interviews mit ihnen machen.

Das dient dann dazu, neues Material für ihre Tatortvergleiche zu sammeln?

Ja. Das sind Biografiestudien. Davon müssen wir Dutzende oder Hunderte machen, um dann plötzlich Gemeinsamkeiten zu erkennen. Ich kann schließlich nicht nachvollziehen, was es für eine sexuelle Befriedigung ist, eine Frau auszuweiden. Also muss ich hingehen und diejenigen fragen, die es tatsächlich gemacht haben. Eine einzelne Aussage bringt da natürlich noch nichts, aber wenn ich zehn Aussagen zur gleichen Verhaltensweise habe, dann kann das langsam einen Sinn ergeben für die kriminalpolizeiliche Untersuchung.

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Bei welchen Verbrechen werden Sie normalerweise hinzugezogen?

Bei allen Formen von Sexualverbrechen, bei Tötungsdelikten, bei denen keine Beziehung zwischen Täter und Opfer zu bestehen scheint, also scheinbar motivlosen Taten. Überall dort, wo die Beurteilung des Täterverhaltens und der Vergleich mit anderen Taten ein Hilfsmittel sein könnte.

Das beschränkt sich also nicht auf Serientaten?

Nein, Serienmorde sind auch so selten, dass es sich dafür nicht lohnen würde, einen kriminalpsychologischen Dienst zu unterhalten. Außerdem beginnt schließlich jeder Serienmord mit einer ersten Tat.

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