Berlin : Die ungenierten Bekenntnisse eines Richters

„Ich gehe nur montags arbeiten“, sagt der Jurist, der wegen Zuhälterei angeklagt ist. Haftangeordnet

Kerstin Gehrke

Er sei eben anders. Kein Mann, der Blümchensex möge, kein Richter, der mit weißem Bart auf einer Säule sitzt. Hubert F. änderte seine Verteidigungsstrategie in eigener Sache schnell. Statt erst auszusagen, wenn die Öffentlichkeit raus ist, wie von seinem Anwalt angekündigt, ergriff der Richter, der wegen Zuhälterei und Gewalt auf Sex-Partys angeklagt ist, bereits am zweiten Verhandlungstag selbst das Wort. Heraus kam kein Geständnis, aber ein ungeniertes Bekenntnis nach dem anderen.

„Weil ich Richter bin und solche Partys veranstaltet habe, stehe ich vor Gericht“, fauchte er die Richter an. Aber er sei auch nur ein Mensch, und er möge es eben extravagant. Die gemächliche Gangart bevorzugte er offenbar lediglich bei seiner Tätigkeit als Zivilrichter am Amtsgericht in Brandenburg an der Havel. Er wiederholte im Prozess, womit er sich gerne brüstet: „Ich habe mein Dezernat im Griff, gehe nur montags arbeiten, Zivilrecht ist leicht.“ Zuhörer stießen sich ungläubig an, die Richter quittierten es mit einem Aha im Blick. Vielleicht war es die einsame Nacht in der Zelle, die F. zu derartigen Äußerungen beflügelte. Von Dienstag auf Mittwoch nächtigte der Angeklagte nämlich in der Haftanstalt. Die Richter hatten überraschend Haftbefehl erlassen. Weil sie befürchten, dass Hubert F. Zeugen beeinflussen könnte.

Das sind vor allem zwei Frauen, die meist in der Wohnung von F. zugegen waren, wenn er seine Swinger-Partys veranstaltete. Das allein ist nicht strafbar. Doch der 43-Jährige soll bis zu 3000 Euro im Monat damit verdient haben. Dreimal die Woche kamen bis zu zehn Gäste. Jeder zahlte 50 Euro Eintritt und zog sich aus. Oft war Lydia S. die einzige Frau. Der Richter soll zweimal geduldet haben, dass die damals 19-jährige Slowakin von Partygästen missbraucht wurde. Die Staatsanwaltschaft geht auch davon aus, dass Hubert F. einige Monate später auch der Zuhälter seiner polnischen Putzfrau war. Die 44-jährige Evi bestätigte im Prozess: „Er hat gesagt, ich würde mit den erotischen Massagen großes Geld verdienen.“

Er habe Lydia auf einer Sex-Party kennen gelernt, sagte F. „Ich war begeistert.“ Bald blieb sie bei ihm. Angeblich ging sie gern einkaufen – „Dessous liebt sie“. Angeblich war sie damit einverstanden, dass es so oft eine Sex-Party gab. Angeblich gab es keine gewaltsamen Übergriffe auf Lydia. „Das machte ihr Spaß, und sie bekam auch noch Geld dafür“, rief der Angeklagte. Aus seiner Sicht könnte das aber „nur im strengen Sinne vielleicht eine Prostitution sein“. Als er merkte, dass Lydia einen anderen hatte, durchstöberte er die Wohnung. „Ich habe in ihr Tagebuch geguckt, das ist das Schlimmste, was ich mir in dem Verfahren vorzuwerfen haben.“

Polizisten gehörten zu den Gästen, ein Taxifahrer, ein Kirchensänger, ein Sportlehrer oder ein Altenpfleger. Der Lehrer, der nicht in seinem Beruf arbeitet, heiratete Lydia schließlich. Als er von ihrem Leben bei F. zwischen Oktober 2000 und April 2001 hörte, stand für den Mann fest: „Er hat sie zur Arbeit auf dem Matratzenlager gezwungen.“ Andere damalige Gäste sagten, auf den Partys sei immer alles freiwillig gewesen. Einer allerdings gab zu: „Zweimal war da was, was da eigentlich nicht hingehörte.“ Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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