Berlin : Die unsichtbare Großbaustelle

An der Staatsbibliothek Unter den Linden wird seit 1991 gewerkelt. Jetzt geht es richtig los. 466 Millionen Euro kostet das Projekt

Matthias Oloew

Von außen sind nur ein paar Absperrungen und Baucontainer zu sehen. Tatsächlich ist die Staatsbibliothek Unter den Linden jedoch eine der größten und aufwändigsten Baustellen der Stadt. Und eine der teuersten ist sie auch. Wenn 2011 alles fertig ist, werden rund 466 Millionen Euro im Umbau und in der Sanierung stecken, komplett bezahlt vom Bund. Zum Vergleich: Der Umbau des Reichstags kostete 310 Millionen, das Kanzleramt 240 Millionen Euro. Nur der Umbau und die Sanierung des Pergamonmuseums (Baubeginn 2006) werden noch teurer; veranschlagt sind 530 Millionen Euro.

Seit 1991 wird an der Staatsbibliothek geplant und gebaut, zumeist unbeobachtet auf dem Dach, an Fundamenten oder in den Innenhöfen. Bislang haben Bauarbeiter zum Beispiel 4200 Quadratmeter Dachfläche saniert, damit es nicht mehr durchregnet. Auch die Fundamente und Keller sind saniert. Die Magazintürme, die in den 80er Jahren errichtet worden sind, verschwanden über eineinhalb Jahre verteilt stückchenweise aus dem Innern des Komplexes. Doch in den nächsten Tagen geht es erst richtig los. Dann werden Bagger die Grube ausheben, um mit dem wichtigsten Stück des Projekts zu beginnen. Die Staatsbibliothek bekommt einen neuen, zentralen Lesesaal.

„Damit erhält die Bibliothek ihr Herz zurück“, sagt Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. Es ist ein Projekt der Superlative. Für Johannes Schrey ist der Bau „unvergleichlich“. Er muss es wissen. Als Projektleiter hat der Architekt die Sanierung der Alten Nationalgalerie gesteuert. Jetzt hat der Chef des Berliner Architekturbüros von HG Merz den gleichen Job bei der Bibliothek übernommen. Merz hatte im Jahr 2000 den Wettbewerb für den Umbau gewonnen und den Auftrag erhalten. Und Johannes Schrey eine Lebensaufgabe verschafft. Das geht schon mit der Logistik der Baustelle los. Zum Beispiel an der Baugrube: Weil im Innenhof keine großen Lastwagen wenden können, werden ausschließlich kleinere 18-Tonner beladen. „Etwa 3000 Ladungen sind nötig, um den Aushub der Grube wegzufahren“, sagt Schrey. Damit das in der relativ kurzen Zeit von 50 Tagen gemacht ist, muss laut Baufahrplan alle zehn Minuten ein neuer Laster vorfahren.

Den Saal an der Stelle zu errichten, an der schon sein Vorgänger stand, ist die Idee des Entwurfs. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, war der monumentale, mit einer der größten Kuppeln Europas überdachte Lesesaal in den 50er Jahren zunächst provisorisch wieder hergerichtet worden. 1975 wurde die Kuppel jedoch gesprengt und machte Platz für die Magazintürme, die wiederum jetzt abgetragen worden sind. Die Türme entsprachen nicht den Anforderungen eines modernen Büchermagazins, sie nahmen der Bibliothek außerdem ihre architektonische Mitte. Mitunter mussten Mitarbeiter und Bibliotheksnutzer labyrinthische Wege in Kauf nehmen. „Es war unendlich kompliziert“, sagt die Generaldirektorin.

Es ist vor allem die Ausstattung, die den Umbau so teuer macht. Weil es sich bei vielen Büchern und Archivalien um unwiederbringliche Schätze handelt, zum Beispiel die Fragmente einer Handschrift Vergils oder ein Pergamentexemplar der Gutenbergbibel, gelten für die neuen Raritäten-Magazine die Bergungsrichtlinien für nationales Kulturgut. Im Klartext: Unterhalb des neuen Lesesaals entsteht ein bunkerähnliches Tresormagazin mit besonders dicken Betonwänden und schottenähnlichen Türen. Selbst wenn durch eine Katastrophe oberirdisch alles zerstört sein sollte, soll den Büchern und Archivalien im Keller nichts passieren. Um die Kosten zu drücken, hat Finanzminister Hans Eichel das ursprünglich geplante dritte Kellergeschoss gestrichen. 14 Millionen Euro hat er dadurch gespart.

Aufwändig ist auch die Sanierung der 3500 Fenster: Keines wird ersetzt, sondern alle werden denkmalgerecht wieder aufgearbeitet. Kompliziert wird es, die geplante Klimaanlage in die Magazinetagen unterm Dach einzubauen. Um möglichst wenig Platz zu verlieren, dürfen es nur besonders flache Lüftungskanäle sein.

Auch die besonderen Anforderungen an die Logistik kosten extra. Die Bibliothek soll während der Bauarbeiten geöffnet bleiben. Das heißt: Bücher müssen von ihrem angestammten Stellplatz in ein Provisorium, ehe sie an ihren neuen Stellplatz kommen. Viele tausend Bücher sind schon jetzt ausgelagert, im eigens für die Umbauarbeiten Unter den Linden hergerichteten Speicher am Westhafen (Baukosten: 14 Millionen Euro). Dort ist jetzt auch das Zeitungsmagazin. Die Zeitungen sollen – wenn alles fertig ist – in das Gebäude Unter den Linden zurückkehren.

Von der Sanierung der Staatsbibliothek ist – ganz nebenbei – auch die Bibliothek der Humboldt-Universität betroffen. Sie ist derzeit ebenfalls in dem Gebäudekomplex untergebracht, im hinteren Teil, mit dem Eingang zur Dorotheenstraße. Die HU-Bibliothek zieht jetzt zunächst in ein Provisorium. 2007 soll sie in einem Neubau öffnen, der in der Nähe errichtet wird. Baukosten: 75 Millionen Euro.

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