Berlin : Die USA nehmen jährlich rund 3000 Bosnier und bosnische Roma aus Berlin auf

Amory Burchard

"Familie Omerovic hat sich entschieden. Wir gehen nach Amerika. Wir haben keine andere Wahl." Momara Omerovic ist zum letzten Mal in die Auswanderer-Beratungsstelle an der Bundesallee gekommen. Er will für sich, seinen Vater, seine Mutter, zwei Schwestern, seinen Großvater, einen Onkel und dessen zwei Söhne die Flugtickets nach Amerika abholen. Der 22-Jährige organisiert die Auswanderung seiner Familie, um der Abschiebung nach Bosnien zu entgehen.

Seit Mitte der 90er Jahre nehmen die USA jährlich etwa 3000 Bosnier und bosnische Roma aus Berlin auf. In Deutschland können sie nicht bleiben, ein Bleiberecht für Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien gibt es nicht. Berlin gilt bei der "Rückführung" als besonders rigoros. Bosniern, die nicht in die zurück können oder wollen, bleibt der Ausweg in die USA. Während zahllose Deutsche von der "Greencard" träumen, sind die Bosnier oft Auswanderer wider Willen.

Auch Momara Omerovic wäre lieber in Berlin geblieben. Einen Schulabschluss zu machen, dann eine Lehre als Automechaniker und einen guten Job zu finden - das sei sein Traum gewesen, sagt er. Aber als er mit seiner Familie nach Berlin kam, war er schon 15, zu alt für die deutsche Schulpflicht. Als Bürgerkriegsflüchtling mit unsicherem Aufenthaltsstatus konnte er auch keine Berufsausbildung machen. Die ganze Familie Omerovic lebte in Berlin knapp acht Jahre lang von Sozialhilfe. "Obwohl wir arbeiten wollten", erklärt Momara für sich, seinen Vater und seine Brüder. Momaras Mutter Zlatija Omerovic sagt am Abend vor der Abreise immer wieder: "Danke, Deutschland." Für die Aufnahme, für die Zimmer im Flüchtlingsheim, für die Sozialhilfe, für die Wohnung, die die Familie vor einem halben Jahr beziehen konnte. Die Roma-Frau hockt im Wohnzimmer auf dem bunten Teppich und hebt beide Arme zu einer hilflosen Geste. "Danke, Deutschland - aber jetzt müssen wir gehen", sagt sie auf Bosnisch. Momara, der Familien-Sprecher, übersetzt.

Dass die USA auch nach dem Vertrag von Dayton weiterhin Bosnier aufnehmen, während Deutschland sie abschiebt, erscheint dem jungen Omerovic wie ein Wunder. Und als große Chance, doch noch Automechaniker zu werden. Eine Tante ist schon vor einem Jahr ausgewandert. Sie lebt jetzt in Georgia, in der Nähe von Atlanta, wohin auch Momara und seine Familie gehen.

"Nach einem Jahr haben sie schon alles", sagt Momara mit einem stolzen Lächeln. Vor ein paar Monaten hat die Tante ein Video geschickt. Da hat er alles gesehen: "Der Sohn geht in die Schule, sie haben ein Haus, ein Auto, beide haben Arbeit: Sie ist Tellerwäscherin, der Mann verkauft Autoteile." Momara will in Atlanta zuerst ein bisschen Englisch lernen und dann gleich Arbeit suchen. Trotz des Arbeitsverbots hat er in Berlin schon einiges gelernt - alte Autos gekauft, repariert und weiterverkauft, gibt Momara zu. Er wollte ja nicht mit ganz leeren Händen in die USA kommen. Die Reise geht mit dem Zug nach Frankfurt am Main, von dort im Flugzeug nach Amerika. Am Abend der Auswanderung zeigt sich: Familie Omerovi¿c reist mit neuen Koffern und gut gekleidet.

Wie ein junger Geschäftsmann steht Momara in der Haupthalle vom Bahnhof Zoo inmitten seiner Familie und etwa 50 weiterer Angehöriger und Freunde. Weißes Hemd, eine Anzughose mit feinen Nadelstreifen, ein passender Gehrock. Einen glänzenden schwarzen Aktenkoffer hält er fest in der Hand. "Man muss Respekt zeigen", sagt er. In Amerika würden doch alle auf die Neuankömmlinge schauen: "Wer kommt denn da? Wie sehen die aus?"

Das amerikanische Immigrationsprogramm für die Flüchtlinge, die Deutschland im jugoslawischen Bürgerkrieg aufgenommen hat, läuft seit fünf Jahren. Die USA haben der "deutschen Gruppe" eine jährliche Aufnahmequote von 12 000 eingeräumt - egal welcher ethnischer oder religiöser Herkunft sie sind. Die Einwanderungsbedingungen sind klar definiert. Es gibt vier Kriterien: Die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien müssen Kriegsflüchtlinge sein, eine Traumatisierung erlitten haben, in serbischer Lagerhaft gewesen sein oder einer ethnischen Gruppe entstammen, die in Bosnien-Herzegowina noch heute ethnisch verfolgt wird. Schließlich gibt es auch noch die Familienzusammenführung.

Auf die Roma-Familie Omerovic trifft eine Reihe dieser Faktoren zu. Sie wurde 1992 aus ihrem Heimatort Janja vertrieben, verlor ihre Häuser und die Schmiede, mit der der Vater seine Familie ernährt hat. Zlatija Omerovic und einer der älteren Brüder Momaras haben im Herbst eine von der Berliner Gesundheitsverwaltung finanzierte "Schnupperreise" in ihr Heimatdorf gemacht. Im Haus, das Momaras Vater gebaut hat, wohnen jetzt Serben. Die hätten Mutter und Bruder nicht einmal erlaubt, das Grundstück zu betreten, erzählt Momara. "Vergesst das Haus, das ist jetzt unser Haus", sollen sie gesagt haben. Als Roma seien sie auch bei den wenigen muslimischen Bosniern, die noch in der Gegend wohnen, nicht gern gesehen. "Mutter ist ohne Erfolg und sehr traurig zurückgekehrt." Dann fiel die endgültige Entscheidung zur Auswanderung.

"Die USA sind und bleiben ein Einwanderungsland", sagt David Heri von der amerikanischen Einwanderungsbehörde in Frankfurt am Main. "Unsere Gesellschaft wurde von Immigranten aus aller Welt aufgebaut. Und wir versuchen weiterhin, Menschen der verschiedensten ethnischen Herkunft ins Land zu holen." Bei der Frankfurter Außenstelle der US-Behörde durchlaufen alle Auswanderungswilligen ein Interview, von dem es abhängt, ob sie die Einreisegenehmigung erhalten. Den größten Teil der Formalitäten können die Bosnier aber von Berlin aus erledigen. Die Beratungsstelle des Vereins für Internationale Jugendhilfe erledigt alles von der Antragstellung bis zur Übergabe der Bahn- und Flugtickets.

Dass die wenigsten bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge vor der Einwanderung Englisch sprechen, viele von ihnen sogar Analphabeten seien und kaum jemand eine Berufsausbildung habe, spiele für die USA keine Rolle, sagt David Heri. Die Erfahrungen, die sein Land seit dem Beginn des Bosnier-Programms gemacht habe, seien positiv. "Sie machen sich bei uns sehr gut. Sie sind bereit, hart zu arbeiten und wild entschlossen, sich in den USA ein neues Leben aufzubauen." Balkan-Völker machen in den USA seit über 200 Jahren Einwanderungsgeschichte. Aus Bauern und kleinen Handwerkern wurden Goldgräber, Siedler und Industriearbeiter. In Städten wie St. Louis und Chicago gibt es große bosnische Communities mit bis zu 200 000 Menschen. Carla Nadeau vom US-Flüchtlingszentrum in Frankfurt, das eng mit der Einwanderungsbehörde zusammenarbeitet, weiss, dass die legendären Erfolgsstories - "eigener Laden, Haus und Auto nach einem Jahr" - heute eher die Ausnahme seien. Aber auch sie stellt den bosnischen Roma aus Berlin eine gute Prognose: "Sie kommen und passen sich an."

Was erwartet die Bosnier in den USA? In den ersten sechs Monaten ist alles geregelt. Es gibt eine Reihe von Kirchengemeinden und auch von nichtkirchlichen Vereinen, die die Neuankömmlinge schon am Flughafen in Empfang nehmen. Sie weisen ihnen eine Wohnung zu, versorgen sie mit Nahrungsmitteln und einem Taschengeld und einer befristeten Krankenversicherung. Diese Organisationen finanzieren den Einwanderern auch einen Sprachkurs und melden die Kinder auf staatlichen Schulen an. Nach sechs Monaten sollen die Familien dann möglichst auf eigenen Füßen stehen. Sozialhilfe und Renten bekommen nur chronisch Kranke, schwer Traumatisierte und alte Menschen.

Für die Berliner Ausländerbehörde hat die bevorstehende Auswanderung in die USA kaum eine Bedeutung, wenn es um die Abschiebung von Bosniern geht. Bis Oktober 1999 galt ein Abschiebeschutz, wenn sie bereits "im Verfahren waren". Seitdem soll die Behörde Auswanderer noch zwei Tage vor der Ausreise zur Rückkehr nach Bosnien gezwungen haben, sagt Elvedin Srna vom Verein für Internationale Jugendarbeit.

Im Warteraum der Auswanderer-Beratungsstelle sitzt auch der 20-jährige Toni. Seine Familie ist schon in St. Louis. Warum er noch hierbleiben musste, will er nicht sagen; wahrscheinlich ist er straffällig geworden und wartet jetzt auf eine Entscheidung der US-Einwanderungsbehörde. Der junge Roma, der seit sechs Jahren in Berlin lebt, hört nicht nur gute Nachrichten aus St. Louis: "Die schwarzen Leute machen Probleme mit unseren Leuten." Es geht um die Konkurrenz um schlecht bezahlte Arbeitsplätze.

Auch beim großen Abschiedsbahnhof für Familie Omerovi¿c gibt es Zweifler. "Ich bin auch ein Omerovic. Ich will aber erst mal abwarten, ob es gut wird in Amerika", sagt Hasim Omerovi¿c, ein Cousin des Auswanderers Momara. Als der einmal nicht zuhört, sagt der Cousin, er glaube nicht, dass es gut wird in Amerika. Es sei dort nämlich gar nicht so, wie es sich sein Cousin erträume. Momara hat doch etwas mitbekommen. Er regt sich auf: "So einen Quatsch" würden alle erzählen, die nicht weggehen können.

Familie Omerovi¿c hat nach acht Jahren verstanden, dass es für sie in Deutschland keine Zukunft gibt. Aber nicht allen Bürgerkriegsflüchtlingen werden so deutliche Grenzen gezogen. Nihad Alic zum Beispiel, ein muslimischer Bosnier, hatte in den sieben Jahren, in denen er in Berlin lebt, immer mal wieder eine Aufenthaltserlaubnis und zeitweise sogar eine Arbeitserlaubnis als Eisenbieger. Dass er noch nicht abgeschoben wurde, verdankt er seiner "posttraumatischen Belastungsstörung", einem Psychosyndrom, das er aus seiner Zeit im berüchtigten serbischen KZ in Prijedor davongetragen hat. Der heute 26-jährige Nihad hat auf Berliner Baustellen gearbeitet. "Ich hatte Arbeit, konnte meine Wohnung bezahlen, nie Ärger mit der Polizei", sagt er.

Jetzt ist wieder alles anders. Beim letzten Termin in der Ausländerbehörde bekam er nur eine Duldung für sechs Monate und keine Arbeitserlaubnis mehr. Jetzt leben Nihad und seine Frau wieder von Sozialhilfe. Seit ein paar Monaten sind sie im Auswanderungs-Verfahren. Aber Nihad Ali¿c hat Angst vor dem neuen Leben in den USA. Er glaubt, dass er in Berlin gesund werden könnte - wenn er wieder "normal" leben dürfte.

Die 19-jährige Medina Alic kam nach Berlin, als sie 13 Jahre alt war. Vor einem halben Jahr hat sie ihren Hauptschulabschluss gemacht. Sie wollte Friseuse lernen, sagt sie. Aber ohne Aufenthaltsgenehmigung war da nichts zu machen. Ihr Leben in der winzigen, ärmlich eingerichteten Ein-Zimmer-Wohnung, in der sie seit drei Monaten mit Nihad lebt, empfindet sie als trostlos und langweilig. "Keine Chance", sagt sie zu Nihads Traum, doch noch ein Bleiberecht zu bekommen. Medina treibt den Antrag auf die Green-Cards voran. Sie sagt: "Hier leben wir doch nur von heute auf morgen. Und dort haben wir vielleicht eine Zukunft."

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