Berlin : Die Vergangenheit holt die Stelen-Bauer ein

Holocaust-Mahnmal: Die Firma Degussa, die Zyklon B für die Gaskammern herstellte, darf keinen Graffitischutz für die Betonsäulen liefern

Holger Wild

Kaum sind die ersten Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden Europas aufgestellt, müssen sie womöglich wieder abgebaut werden. Denn der Graffitischutz, mit dem ihr Beton imprägniert ist, ist ein Produkt der Firma Degussa – zu der einst auch die Degesch gehörte: die „Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“, die den Nazis das Zyklon B für die Gaskammern der Vernichtungslager lieferte.

Das könne den Überlebenden der Lager, den Hinterbliebenen und Nachkommen der Toten nicht zugemutet werden, beschloss das Kuratorium der Stiftung für das Denkmal am Donnerstagabend. Die Entscheidung richte sich jedoch nicht gegen das Unternehmen Degussa, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins für das Denkmal, Lothar C. Poll. „Wir haben an die Gefühle der Opfer gedacht.“

Der Hersteller der Betonstelen, die Firma Geithner-Bau, hatte den Auftrag für den Graffitischutz von sich aus an die Degussa vergeben. Wohl auch, weil der verlangte Preis ausgesprochen günstig war. Das Kuratorium erfuhr davon erst auf der turnusmäßigen Sitzung – und begann sofort eine intensive Diskussion. Neben dem Förderkreis setzten sich dabei vor allem die Vertreter von Gedenkstätten wie der „Topographie des Terrors“ oder dem KZ Sachsenhausen und jüdischer Organisationen dafür ein, den Auftrag an die Degussa zurückzuziehen.

Andere betonten, die Errichtung des Holocaust-Mahnmals im Land der Täter bedeute gerade, sich zu der historischen Verantwortung für die Verbrechen zu bekennen. Hunderte von Unternehmen hätten an der Ermordung der Juden mitgewirkt oder davon profitiert; man könne nicht die Zusammenarbeit mit jedem von ihnen ausschließen. Und speziell Degussa sei in der Aufarbeitung der Firmengeschichte vorbildlich.

Wie Lea Rosh, die Vorsitzende des Förderkreises, sagte, erkannte das Kuratorium diese Argumente auch an. Mit einer Firma, die Knöpfe für SS-Uniformen hergestellt hätte, würde die Mahnmals-Stiftung keine Probleme haben, sagte Rosh. Bei Zyklon B aber sei „eine Grenze überschritten“.

Deshalb werde nun ein anderer Hersteller des Graffitischutzes gesucht. Solange ruht die Herstellung der Stelen. Was mit den fertigen Betonquadern geschehen soll, die auf dem Mahnmalsgelände bereits aufgestellt wurden, ist noch nicht entschieden. Das gleiche gilt für die gegossenen und in dem Betonwerk bei Joachimsthal in Brandenburg lagernden Stelen. Rosh zufolge handelt es sich nur um „ganz wenige“ von insgesamt 2700, die das Denkmal bilden sollen. Sie empfiehlt, sie neu zu gießen.

Die Bauarbeiten auf dem Gelände neben dem Brandenburger Tor sollen durch die Entscheidung des Kuratoriums nicht beeinträchtigt sein. Dort wird zunächst am geplanten unterirdischen „Ort der Information“ gearbeitet, und es werden die Fundamente für die Stelen gelegt.

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