Berlin : Die Verheißung des neuen Jerusalem

Claudia Keller

SONNTAGS UM ZEHN

Jemand „wie ein Mensch mit einem langen Gewand bis auf die Füße und einem goldenen Gürtel bis auf die Brust“ steht plötzlich hinter Johannes. Der Apostel erschrickt. Denn „seine Augen leuchteten wie eine Feuerflamme, seine Füße glänzten wie libanesisches Golderz, seine Stimme donnerte wie Meer bei Sturmflut“. Das seltsame Wesen fordert Johannes auf, aufzuschreiben, was er sieht. Das Ergebnis ist eines der gewaltigsten Bibeltexte überhaupt: die Offenbarung des Johannes, geschrieben auf Patmos. Der wuchtige Text hat zwar unzählige Künstler inspiriert, er ist aber nur selten Gegenstand von Predigten. Das will die Patmos-Gemeinde in Steglitz nun ändern. Aus Anlass des 40. Jahrestages der Kirchenweihe führen bis Ende Oktober sechs ehemalige Pfarrer der Gemeinde in den prophetischen Text ein.

In der Johannesoffenbarung öffnet sich das „Buch mit den sieben Siegeln“ und apokalyptische Reiter bringen den Menschen Pest, Krieg, Hungersnöte und Tod. Am Ende wird das neue Jerusalem verheißen. Die Gräuel und die Erlösung, die der Apostel Johannes für die Zukunft der Menschen und ihrer Kirche voraussieht, sind so gewaltig, dass die Bilder, die der Apostel zu ihrer Beschreibung findet, farbiger und grausamer nicht sein könnten. Politisch brisant ist der Text dadurch, dass er aufgeschrieben wurde, als sich der Kampf zwischen den ersten Christen und dem römischen Staat zuspitzte. Die verfolgten Christen fragten sich, ob der Widerstand Sinn macht , ob Christus’ Macht gegen eine weltliche Macht etwas ausrichten kann.

Am Sonntag interpretierte Ricklef Münnich die ersten Abschnitte aus der Offenbarung. Dort stellt sich Johannes als einfacher Mann vor, der im Exil seinen Auftrag erhält. Damals habe es eben noch keinen „Starkult“ gegeben, meinte Münnich, und auch heute wäre es besser, wenn es ihn nicht gäbe. Jeder könne in sich hineinhören und nach seinem Auftrag, nach seiner Bestimmung suchen. Christus sei für die Menschen nicht zu schauen, interpretiert Münnich weiter, aber er lebe inmitten seiner Gemeinden. Christus und die Gemeinden seien eine unauflösliche Einheit inmitten der „Todeswelt“, die geprägt sei von Neid, Hass und Machtkämpfen. Die Gemeinden hätten den Schlüssel für die Erneuerung und den Bestand der ganzen Welt. „Was für ein Auftrag“, sagt der Pfarrer mit leuchtenden Augen. Mischen Sie sich ein, forderte er die Zuhörer auf. „Neue Propheten braucht das Land“ – nicht nur in der Patmos-Gemeinde. Das Land benötige Politiker, „die den Mut finden, nicht auf die Wahlzettel zu schauen, sondern eine menschengerechte Politik machen“. So gesehen hat die Johannesoffenbarung bis heute ihre politische Sprengkraft behalten.

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