Berlin : Die verlorene Ehre der Sürücüs

Heute fällt das Urteil im Prozess gegen die drei Brüder, die ihre Schwester getötet haben sollen

Constanze von Bullion

Es gab Momente in diesem Prozess, da wurde diese Gleichgültigkeit unerträglich. Nicht nur die der Angeklagten, die schwiegen und lachten und sich die Ohren zuhielten, wenn es um die Ermordung ihrer Schwester ging. Auch das Gericht wirkte oft seltsam weit weg von dem, was da passierte, mitten in Berlin und mitten in einem Gerichtssaal.

Über ein Jahr hat es gedauert, das Verfahren um den Mord an Hatun Sürücü, die am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof erschossen wurde. Sie war 23 Jahre alt und alleinerziehende Mutter, eine Deutsche aus einer kurdischen Familie, die versucht hatte zu leben, wie es ihr gefiel. Ihr jüngster Bruder Ayhan hat zugegeben, geschossen zu haben, er will das ohne Hilfe getan haben, der Staatsanwalt glaubt es ihm nicht. Und wenn heute ein Urteil fällt im „Ehrenmordprozess“, wird die wohl spannendste Frage sein, wie das Gericht die Rolle der beiden älteren Brüder bewertet, die den Schützen angestiftet haben sollen.

Ayhan, Alpaslan und Mutlu Sürücü, das sind drei junge Männer, die in Kreuzberg aufgewachsen sind, in einer Vier-Zimmer-Wohnung, die sich bis zu elf Menschen geteilt haben. Männer und Frauen leben da strikt getrennt, der Vater ist tief gläubig, ein schmaler alter Mann, der dazu neigt, jedem ins Wort zu fallen, der nicht sagt, was er hören will. Sein jüngster Sohn Ayhan hat viel von ihm gelernt, er ist nicht dumm, hat Mittlere Reife gemacht, die Ausbildung dann aber abgebrochen. Manchmal nennt er sich Carlito, nach einem Al-Pacino-Film, und er schreit los, ungebremst, wenn ihm etwas nicht passt. Vor Gericht war das eigentlich dauernd der Fall.

Alpaslan, der mittlere Bruder, wirkt vernünftiger auf den ersten Blick, aber auch er verliert schnell die Kontrolle. Dann springt er auf, brüllt, lässt sich kaum beruhigen. Alpaslan soll in der Nähe gewartet haben, als sein Bruder seine Schwester Hatun auf die Straße lockte und erschoss. Das hat der Schütze nach der Tat seiner Freundin erzählt.

Alpaslan aber bestritt jede Beteiligung, und seine Frau verschaffte ihm ein Alibi. Sie erzählte, wie er mit ihr gegessen hätte zur Tatzeit, an jedes Detail konnte sie sich erinnern. Inzwischen scheint auch klar, wieso. Man hat bei ihr Prozessakten gefunden, die sie als Zeugin nicht kennen durfte, ihre Aussage konnte also abgesprochen werden. Alpaslans Alibi ist nicht mehr viel wert.

Mutlu, der älteste der drei angeklagten Brüder, soll der geistige Anführer der Tat gewesen sein, soll zur Tat gedrängt und die Waffe besorgt haben. Wer ihn sieht, der mag verführt sein, das zu glauben. Mutlu trägt das Haar bis zur Schulter und einen Bart, er verbirgt sich hinter einem undurchsichtigen Blick und passt ins Klischee des Extremisten. Er soll mal in Pakistan und in Leeds gewesen sein, im Umfeld der Londoner U-Bahn-Attentäter. Das allein aber beweist noch gar nichts.

Es war Ayhan, der Schütze, der seiner Freundin Melek A. vor und nach der Tat erzählt haben soll, wie Mutlu und Alpaslan mit ihm den Mord planten. Auf Melek, die 18 Jahre ist und noch in die Schule geht und wegen ihrer Zeugenaussage nun seit Monaten an einem geheimen Ort leben muss, stützte sich die gesamte Anklage. Melek wirkte glaubwürdig, das gibt auch ein Verteidiger zu, auch wenn Unklarheiten blieben in ihrer Aussage. Beweise nämlich, die konnte sie nicht liefern für das, was sie gehört haben will; wie Alpaslan zum Beispiel den kleinen Bruder an seinen Auftrag erinnert habe: „Ich hab’ dir doch gesagt, schieß ihr in den Kopf!“

Warum eigentlich Hatun? Was soll so verkehrt gewesen sein an diesem Mädchen, das in der 8. Klasse vom Gymnasium abgemeldet worden war, um es mit einem Cousin in der Türkei zu verheiraten? Keine andere Tochter der Familie ist zwangsverheiratet worden, und keine hat sich so aufgelehnt. Hatun Sürücü hatte ihren türkischen Ehemann verlassen, war zurückgekehrt nach Berlin und lebte mit Partnern, die sie sich selbst ausgesucht hatte. Eine Betreuerin aus Hatuns Lehrwerkstatt erzählte vor Gericht, sie hätte ein „distanzloses Verhältnis“ zu Männern gehabt. Die Betreuerin hatte aus diesem Verhalten geschlossen, dass Hatun sexuell missbraucht worden war. Drei weitere Zeugen bestätigten den Verdacht, ein Bruder soll es gewesen sein, angeblich wusste die Familie alles.

Ob das stimmt, blieb unklar, wie überhaupt so vieles in diesem Prozess sich im Ungefähren verlor. Dass hier eine junge Frau quasi hingerichtet wurde, hat eine bundesweite Debatte angefacht über die Wertvorstellungen muslimischer Einwanderer. Der Bundesrat hat nach dem Sürücü-Mord beschlossen, Zwangsheiraten unter Strafe zu stellen. Vor Gericht aber schien man weit entfernt von diesen aufgeregten Debatten. Da durften die Angeklagten straflos herumpöbeln, Zeuginnen einschüchtern oder sich von einem Kumpel wie Helden begrüßen und küssen lassen. Hat man sich nicht getraut, sie in die Schranken zu weisen? Oder wollte das Gericht sich nicht der Mühsal unterziehen, solche jungen Männer ernst zu nehmen und ihnen klar zu machen, was Respekt und Ehre in einem Rechtsstaat bedeuten?

Lebenslang für die beiden älteren Brüder hat der Staatsanwalt gefordert und neun Jahre und acht Monate Jugendhaft für den Jüngsten. Ob die Richter so hoch rangehen werden, vor allem bei den älteren Brüdern, blieb ungewiss. Bis zuletzt.

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