Berlin : Die verlorene Insel

Im Tacheles ist die Aufbruchstimmung der Wende dahin – auch der Freitod von Janine F. bringt die Einzelkämpfer nicht zusammen

Claudia Keller

Gewundert habe sie sich schon, sagt Ariane Boss. Die Malerin steht in ihrem Atelier im dritten Stock im Kunsthaus Tacheles und hängt Bilder auf. Sie hat sich gewundert, dass die Leute von der „Manufaktur“ gar keine Trauerrituale abhalten, zum Andenken an das tote Mädchen noch nicht mal ein paar Blumen im Hof hingelegt hätten oder hier oben hin. „Jeder Motorradfahrer, der gegen einen Baum fährt, bekommt doch Blumen.“ Gekannt hat sie Janine F. nicht. So hieß die 25-jährige Frau, die sich vergangene Woche mit einem Sprung aus dem fünften Stock des Tacheles das Leben genommen hat. Zuvor hätten Künstler aus der „Manufaktur“ mit der Frau gesprochen, heißt es im Polizeibericht. Ihre Ankündigung, Selbstmord zu begehen, haben die Künstler auf Video aufgenommen. Mit der „Manufaktur“ am anderen Ende des Ganges hat Ariane Boss nicht viel zu tun. Es gibt 80 Künstler im Tacheles, da kennt nicht jeder jeden.

Die „Manufaktur“ sieht aus wie eine riesige Abstellkammer. Große und kleine Bilder lehnen an Wänden und Stahlpfeilern, dazwischen Skulpturen aus Gips und Metall, Farbtöpfe stehen herum, Hammer und Nägel liegen auf dem Boden verstreut, am Eingang steht ein altes Sofa. Daran lehnt einer in schwarzen Jeans und Sweatshirt und saugt an einer Zigarette. Er ist Maler und will nicht sprechen über Janine, die „da drüben“ ihre Ecke hatte. Er zeigt nach links, dorthin, wo noch Bilder von ihr stehen mit gemalten Füßen und Beinen drauf. Und eine weiße Gipsbüste mit einem Kopf, der weit nach hinten gelehnt ist, und einem wie zum Schrei weit geöffneten Mund. Eine geballte Faust reckt sich weit nach oben. „Von wegen Blumen und Trauer“, sagt der Maler „da wollen wir schon noch was machen. Aber die Öffentlichkeit soll davon nichts mitkriegen, zumindest die nächsten 40 Tage nicht.“ So lange hätten sie sich Schweigepflicht auferlegt. Wegen Janines Eltern und überhaupt.

Der Maler verliert immer wieder den Faden zwischen den Sätzen. Seine Bewegungen sind fahrig. An dem Abend, als die junge Frau sagte, dass sie sich umbringe wolle, habe keiner geglaubt, dass sie das ernst meint. Sie habe doch ganz ruhig gewirkt, als sie da zusammensaßen und was tranken. Und auf die Videokassette sei sie mehr oder weniger zufällig geraten, weil gerade einer mit der Videokamera rumgespielt habe, als sie hereingekommen sei.

Joachim Penzel, ein Kunstsoziologe, habe die Kamera hiergelassen, weil er eine Dokumentation über das Leben im Tacheles machen will. Seit drei Monaten würden sie deshalb immer mal wieder rumfilmen. Jetzt sei das Video weg, der Maler vermutet, dass es ein anderer aus dem Atelier mitgenommen habe. Später am Telefon sagt Penzel, dass er mal vorhatte, die Kunstproduktion im Tacheles zu untersuchen, die Idee aber schon lange fallen gelassen habe. Er habe auch keine Kamera da gelassen. Penzel vermutet, dass sie von einem Big-Brother-Experiment stammt, das im Hof des Tacheles vor einem Jahr stattfand.

Jetzt schiebt Leon einen kleinen Elektro-Ofen ins „Manufaktur“-Atelier. Leon mit den grauen längeren Haaren, Bartstoppeln und einer alten Lederjacke ist einer der Künstler aus Ost-Berlin, die die Kaufhausruine nach der Wende besetzt haben. Eine Insel sei das Tacheles damals gewesen. Irgendwann hat die Insel angefangen, auseinander zu brechen. „Mir ist alles zu krass geworden hier“, sagt Leon. Sein Freund, der sich vor ein paar Wochen in einer Galerie um die Ecke erhängt hat, war auch einer der Künstler, die vor zehn Jahren schon hier waren. Er habe die Gratwanderung zwischen Abstand und Nähe zum Tacheles, zwischen Hell- und Schwarzsehen nicht hinbekommen. Leon kommt jetzt nur noch ab und zu für ein paar Stunden her, er kenne kaum noch jemanden. Janine F. habe er nur ein paar Mal gesehen. „Der Druck auf dem Markt ist so groß geworden, da kämpfen die Leute immer mehr für sich“, sagt Leon. „Das hält nicht jeder aus, und wenn man sich dann noch mit Drogen auslaugt, ist man ein Blatt im Wind.“

Auch um das Tacheles herum ist in den vergangenen zehn Jahren vieles zersplittert. „Nachbarschaft?“ – Olivier P. steht hinter dem Tresen in der „Mitte Bar“ und zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. „So was gibt’s hier nicht mehr.“ Früher habe man gemeinsam gegen die NPD demonstriert, jetzt sei „alles kaputtsaniert“. Die „Mitte-Bar“ hat 1995 aufgemacht und ist jetzt die älteste Kneipe in der Ecke. Das alteingesessene „Obst & Gemüse“ hat im Juni geschlossen. Im August hat im Tacheles das Restaurant „Milagro“ eröffnet, wo man unter Goldlüstern Kürbissuppe mit Shrimps löffeln kann. Vor einem Monat ist aus dem indischen Restaurant „Goa“ gegenüber ein Singapur-Feinschmeckertempel geworden. Die Kellner dort kennen das Tacheles nur aus dem Reiseführer, so wie ihre Kunden aus Italien und Spanien.

Die Touristen sind das an diesem Novembertag weitgehend unsichtbare Band, das hier alle eint – sie und ihre Sehnsucht nach etwas, das es nicht mehr gibt: Der Postkartenverkäufer neben dem Tacheles zeigt seinen Bestseller: Darauf ist ein unverputztes, bunt bemaltes Haus zu sehen, vor dem ein hellblauer Trabi steht. Aus der Motorhaube und den Mauerritzen wuchern Gräser und Blumen. Der Himmel ist blau.

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