Die Verrückten : Wenn Denkmäler umgesetzt werden

Marx und Engels müssen auf Zeit ihr Forum verlassen, Neptun samt Brunnen vielleicht auch. Das ging anderen auch so: dem alten Fritz und der Goldelse etwa - alle wurden verrückt.

Lothar Heinke
273572_0_99302aca.jpg

BerlinNoch steht Friedrich, der Bärtige, und guckt starr auf den Fernsehturm, während sein Freund Karl neben ihm sitzt und ebenfalls seinen Träumen und Utopien hinterherblickt. Das Marx-Engels-Denkmal eignet sich vorzüglich als Klettergerüst, Blümchenablage und Background fürs Touristenfoto. Es ist eine der vielen kleinen und gewichtigen Attraktionen in Berlin, dieses sofort nach seiner Aufstellung 1986 umstrittene Werk des Bildhauers Ludwig Engelhardt. „Sacco und Jacketti“ lästerten die Leute, witzelten vom „Nahverkehrsdenkmal“ (einer steht immer) oder legten Engels in den Mund: „Wenn ich dir sage, was das gekostet hat, setzte dich hin.“
Bald bekommen die Herren eine andere Perspektive. Sie werden Richtung Karl-Liebknecht-Straße verschoben. Oder verrückt. Jedenfalls sind sie für einige Zeit ein Wanderdenkmal, weil die U 55 gebaut wird und das (übrigens unter Denkmalschutz stehende) Marx-Engels-Forum zum Materialablageplatz verkommt. Werktätige Bauarbeiter verdrängen Marx und Engels. Und eines fernen Tages soll, wenn es nach den Schlossbefürwortern ginge, Nachbar Neptun mit seinem Brunnengefolge wieder da hin, wo er schon mal war: auf den südlichen Schlossplatz. Ganz in der Nähe lauerten früher beim Nationaldenkmal Kaiser Wilhelms I. zwei gewaltige Löwenpaare – sie sind in den fünfziger Jahren nach Friedrichsfelde gezogen und seitdem im Tierpark zu Hause. Und der Große Kurfürst stand einst an der Rathausbrücke, von wo er 1951 vors Schloß Charlottenburg kam.

Der jüngste Fall künftiger Denkmalschieberei mit Marx und Engels ist nur einer von vielen. Der bekannteste spielt zwischen den Tatorten Reichstag und Großer Stern. Die Siegessäule wurde 1873 als Symbol für das siegreiche Preußen nach den Kriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) auf dem damaligen Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, vor dem Reichstag errichtet. Johann Heinrich Strack verwendete dabei Beutestücke und vergoldete Geschützrohre. Obenauf thront die Siegesgöttin Victoria, acht Meter hoch, 35 Tonnen schwer, mit bürgerlichem Namen Margarete Otten, ein Modell, das die Leute bis heute „Goldelse“ nennen. 65 Jahre nach ihrer Errichtung wurde der Gedächtnisschornstein mit Dame abgebaut, in Einzelteile zerlegt und in einem umgebauten BVG-Bus zum Großen Stern gefahren. Der sollte zum Fixpunkt für die von Adolf Hitler und seinem Großbaumeister Albert Speer geplante Ost-West-Achse der „Welthauptstadt Germania“ werden, vor dem Reichstag war ein großer Aufmarschplatz geplant, also fuhr Else im Bus zum Stern und wurde etwas gestreckt – statt 51 Meter maß sie nun 67, die Säule bekam eine weitere Etage, und das ist ihren Proportionen gut bekommen. Ein Glück, dass die Idee der Alliierten, die Säule zu sprengen, im Sande verlief. So holen wir heute tief Luft, nehmen 285 Stufen, freuen uns am Tiergarten und am Potsdamer Platz und gucken der Goldelse unter den Rock.

Friedrich II., der große König, reitet wieder unbehelligt die „Linden“ entlang, ist Teil der Avenue, gehört zum Forum Fridericianum. Keinem kommt in den Sinn, was vor mehr als 150 Jahren Theodor Fontane Sr. Majestät da oben hoch zu Ross zurief: „Bist endlich da! Gott sei’s geklagt, / Hast lange warten lassen; / Nun lehr uns wieder, unverzagt / Den Feind beim Schopfe fassen / Den Feind in Ost, den Feind in West, / Die Feinde drauß und drinnen, / Zerreiß die Netze dicht und fest, womit sie uns umspinnen“. Des Alten Fritz’ Reise durch die Nacht begann im Zweiten Weltkrieg. Da wurde er eingemauert. Die DDR konnte und wollte mit Majestät nichts anfangen, baute ihr Denkmal ab und schaffte es ins Hippodrom vom Park von Sanssouci. Dann dämmerte eine leichte Preußen-Renaissance durch die DDR. Man meinte, dass gewisse preußische Tugenden dem sozialistischen Aufbau durchaus förderlich sein könnten, außerdem wollte man sich den großen Friedrich nicht vom Westen abspenstig machen lassen. Motto: Fritz ist unser! 1980 stand er plötzlich wieder da, und in den neunziger Jahren wurde er noch einmal um sechs Meter an seinen ursprünglichen Standort verrückt.

Innerhalb Berlins auf Wanderschaft war der Reichsfreiherr vom und zum Stein. Das Denkmal von Hermann Schievelbein stand ursprünglich seit 1875 auf dem Dönhoffplatz, weil Kaiser Wilhelm I. den unbequemen Reformer nicht in der Nähe seines Palais Unter den Linden haben wollte. 1981 kam Stein dann aber doch ans östliche Ende der Prachtstraße. Dort musste er wegen des Neubaus der Kommandantur umziehen. Nun blickt er vor dem Abgeordnetenhaus auf Berlins Parlamentarier, wenn die, vielleicht sogar mit reformerischem Eifer, in ihr Abgeordnetenhaus eilen.

Der andere Reformer, Karl August Fürst von Hardenberg, wird einmal am Gropius-Bau aufgestellt, die beiden Preußen-Politiker sind dann nur eine Straßenbreite voneinander entfernt. Dicht beieinander stehen die preußischen Generäle Bülow von Dennewitz und Scharnhorst im vorderen Teil des Gartens am Opernpalais. Sie waren ursprünglich genau gegenüber, beiderseits der Neuen Wache. Die Erben von Käthe Kollwitz hätten dem Plan, die trauernde Mutter für das Mahnmal zu vergrößern, nicht zugestimmt, wenn sie sich in der Nähe preußische Generäle befände. 2012 läuft der Vertrag mit den Kollwitz-Erben aus. Dann wandern die Generäle wieder zurück zur Neuen Wache.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben