Berlin : Die versenkbare "multifunktionale Arena" ist technisch nicht möglich

Axel Bahr

Bessere Sicht für alle und bei Hertha-Spielen näher am Ball - dieser Traum ist passéAxel Bahr

Entgegen den ursprünglichen Planungen wird das Olympiastadion im Fall seiner Modernisierung nun doch nicht mit mobilen Tribünenanlagen ausgestattet. Die Idee einer solchen "multifunktionalen Arena", die je nach Bedarf von einem Leichtathletik-Stadion in eine reine Fußball-Arena umgewandelt werden kann, ist damit passé. Das gab Bausenator Jürgen Klemann (CDU) gestern bekannt. Auch das Investoren-Auswahlverfahren für die marode Arena, die für das Bewerbungskonzept des Deutschen Fußball-Bundes für die WM 2006 entscheidende Bedeutung hat, verzögert sich weiter.



Noch vor zehn Monaten hatte die Bauverwaltung - wie auch die Architekten des ausgewählten Entwurfs, Gerkan, Marg und Partner - warnenden Hinweisen von Kritikern strikt widersprochen. Damals merkte Istaf-Veranstalter Rudi Thiel an, dass - durch die für die mobilen Tribünen notwendige Absenkung des Innenraumes - Zehntausende bei Leichtathletikveranstaltungen immense Sichtbehinderungen in Kauf nehmen müssten. Gestern gestand der Bausenator nun ein, neuere Berechnungen hätten gezeigt, dass die Absenkung um 3,50 Meter technisch nicht möglich sei. Der Innenraum werde lediglich um 2,50 Meter abgesenkt und die unteren Ränge um zwei Meter vorverlegt.

Bewegliche Tribünen, die bei Spielen von Hertha BSC bis an die Auslinie des Fußballfeldes ausgefahren werden, um die Atmosphäre eines Fußballstadions zu schaffen, soll es nun nicht mehr geben. Das könnte die Diskussion um einen Neubau wieder beleben. Herthas Aufsichtsratschef Robert Schwan etwa forderte gestern erneut, ein reines Fußball-Stadion neben neu zu bauen. Klemann schloss eine erneute Diskussion um einen Neubau allerdings aus.

Klemann betonte, dass die Gesamtzuschauerkapazität von 75 000 durch die jetzige Lösung gewährleistet bleibe. Das Vertrauen in die Architekten sei durch die Änderungen nicht erschüttert. Fußball wie auch Leichtathletik könnten im Olympiastadion nach wie vor stattfinden.

In einem Punkt wurden die Architektenpläne nun den Anforderungen des Hauptnutzers Hertha BSC angeglichen. Nachdem die Architekten zunächst eine höhere Anzahl von Logen weder für möglich noch für kommerziell vermarktbar eingestuft hatten, wird nun die Anzahl von 20 auf 98 erhöht. Das Gros dieser Logen wird im Umlauf integriert, 15 Logen sind im Bereich der heutigen Ehrentribüne vorgesehen.

Keine Abweichungen gibt es bei den 22 in den Innenraum ragenden Stützen für die Dachkonstruktion. Auch die Stützen wurden im Vorfeld wegen der Sichtbehinderungen im Oberring kritisiert. Sie seien aber unverzichtbar, um das Dach unter den Anforderungen des Denkmalschutzes zu realisieren.

Klemann kündigte an, im laufenden Investoren-Auswahlverfahren auf Drängen der Finanzverwaltung mit drei Konsortien in Vertragsverhandlungen zu treten. Da keiner der in die engere Wahl genommenen Interessenten (Hochtief, Walter Bau, Holzmann) ein überragendes Angebot geliefert habe, müsse die für die Landeskasse attraktivste Variante verhandelt werden. Offenbar ist kein Konsortium bereit, mehr als 20 Prozent der Kosten von rund einer halben Milliarde Mark zu tragen. Eine Entscheidung soll im Oktober fallen.
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