Berlin : Die Volksnahen

Gerhard Schröder überraschte beim Tag der offenen Tür mit einer sportlichen Einlage, Bundespräsident Rau zeigte sich familiär, Ministerin Ulla Schmidt redete ohne Pause

Christian van Lessen

Um 16.03 Uhr hielten gestern Hunderte Besucher des Tags der offenen Tür im Kanzleramt den Atem an. Da spurtete und sprang der Bundeskanzler, der gerade noch in einem dicken Pulk von Autogrammjägern auf der hohen Parkböschung stand, zur Überraschung aller – auch seiner Sicherheitsleute – den steilen Abhang hinab. Alles ging gut, Jubel brandete auf, und wenige Sekunden später stand Schröder auf der Showbühne, um von RBB-Moderator Jürgen Jürgens interviewt zu werden. Der bescheinigte dem Kanzler: „Eine sportliche Leistung.“

Vor seinem Spurt über den Abhang hatte der Bundeskanzler fast eine halbe Stunde lang, eingezwängt von Menschenmassen, mindestens 200 Autogramme geben müssen. Selbst auf Aldi-Einkaufsquittungen oder BVG-Fahrkarten. „Ich musste mich durchschreiben“, sagte Schröder im Interview und strahlte. „Schade, eine Stunde Zeit am Tag hätte man immer für so etwas.“ Den Besuchern erzählte er etwas über seinen letzten Urlaubsort Hannover („kann ich nur empfehlen“). Bei Freunden habe er in einem Schrebergarten mit Wasserzugang schöne Urlaubstage gehabt. Die Besucher klatschten. Vor dem Rundgang des Kanzlers hatte ein als Till Eulenspiegel verkleideter Schauspieler auf den Wegen des Parks „Gerhard den Ersten“ angekündigt. „Die Weiber können kreischen, das liebt er besonders.“ Das Familienfest im Kanzleramt mit historischem Jahrmarkt im Park jenseits der Spree war der Höhepunkt des Tags der offenen Tür der Bundesregierung. An beiden Tagen waren mehr als 130 000 Besucher gekommen.

Auch Bundespräsident Johannes Rau hatte ins Schloss Bellevue eingeladen, und rund 6000 Besucher fühlten sich angelockt. Schon vor dem Schloss kamen viele Gäste ins Staunen. Der Bundespräsident hatte sein glänzend schwarzes Dienstauto, Mercedes S-Klasse, mit der Nummer „01“ ausgestellt, die Türen waren einladend geöffnet. Wer wollte, durfte Platz nehmen, auch hinter dem Steuer, die Fenster runterkurbeln und spätestens dann feststellen, dass er in einem besonderen Auto saß: in einem, das drei Schichten dicker Fensterscheiben hat.

Zur Mittagszeit wandelte Rau mit Frau Christina im Garten, ebenfalls umgeben von einem Tross von Autogrammjägern. „Chef, kann ich mal mit deinem Auto eine Runde fahren?“ fragte ein Junge. Ein Ehepaar reichte Rau ein Baby für ein „historisches Foto“. Im Schloss zeigte er Besuchern sein Amtszimmer. „Erkennen Sie uns?“ fragten Ute Wichmann und Manfred Bussmann aus Bottrop. Rau sei ihnen doch schon beim Urlaub in Spiekeroog begegnet. Rau erkannte sie nicht, aber lächelte und ließ sich zu einem Erinnerungsfoto überreden, mit Ehefrau Christina und Hund Scooter. Das Lehrerpaar hatte zunächst das Kanzleramt besuchen wollen, die lange Warteschlange aber schreckte ab. Vorm Bellevue war sie kürzer.

Lange Schlangen gab es bei Ulla Schmidt, der Gesundheitsministerin, nicht. Sie hatte sich am Sonntagvormittag in ihrem Ministerium an der Mauerstraße auf harte Diskussionen eingestellt. Die Gesundheitsreform ist nun mal ein Reizthema, und Ulla Schmidt gehört zu den Kabinettsmitgliedern, die in letzter Zeit häufig schlechte Nachrichten übermitteln mussten.

Im Sitzungssaal hatten rund 100 Besucher Platz genommen, und die Ministerin schaute erst etwas skeptisch, ob da Krawall zu erwarten sei. Aber die Gäste waren milde gestimmt, was vielleicht auch an der lähmend heißen Temperatur im Saal lag. Das Publikum ließ Ulla Schmidt reden, vierzig Minuten fast ohne Punkt und Komma. Jemand fragte noch, was denn die ganze Gesundheitsreform sollte, wenn die Luft und der Verkehrslärm in Berlin krank machten. Das sei, sagte Ulla Schmidt, nun wirklich nicht ihr Gebiet. Dafür sei der Senat zuständig.

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