Berlin : Die Wahl der zwei Herzen

Ein Blick auf vergangene Wahlen zeigt nicht nur traditionelle Unterschiede im Abstimmungsverhalten von Ost und West, sondern auch interessante Parallelen. Politisch vereint ist die Stadt noch immer nicht

Stefan Jacobs

Am Mittag sah es noch so aus, als wäre das Jahrhundertprojekt „Einheit der Stadt“ vorangekommen: Die Wahlbeteiligungen in den östlichen und westlichen Bezirken lagen fast gleichauf bei je knapp 27 Prozent. Aber vielleicht waren die Ossis einfach früher aufgestanden, um dann am Nachmittag in ihrer Aktivität umso stärker nachzulassen: Um 16 Uhr führte der Westen wieder mit 56,1 Prozent Beteiligung vor dem Osten mit 54,5 Prozent. Gleich nach Schließung der Wahllokale gab es zunächst nur die Gesamtberliner Schätzung von 70 Prozent Beteiligung – gut sieben Prozentpunkte weniger als vor vier Jahren. Nach Ost und West getrennte Zahlen sollten am späten Abend folgen. Ein Blick in ältere Statistiken zeigt Parallelen und Besonderheiten.

Eine Konstante ist die im Osten stets geringere Beteiligung. Bei der Premiere, der Bundestagswahl 1990, machten nur 76 Prozent der Ost-Berliner von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Im Westen gingen 83,4 Prozent zur Abstimmung. Fast identisch waren die Zahlen bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am Ende desselben Jahres.

Über die Jahre schloss sich die Schere: Bei der Bundestagswahl 2005 lag die Beteiligung in Ost (76,5) und West (78) nur noch eineinhalb Prozentpunkte auseinander. Ein Ausrutscher war die Abgeordnetenhauswahl 2006, die nur 53,8 Prozent der Ost- und 61,1 Prozent der West-Berliner mobilisierte. Im Gesamtberliner Schnitt war die Beteiligung auf Landesebene damit seit 1990 um mehr als ein Viertel abgestürzt. Noch finsterer sieht es bei den Wahlen zum Europäischen Parlament aus: 1994, als weder Euro noch kontrollfreie Fahrt von Portugal bis Estland in Sicht waren, gaben stadtweit noch 53,5 Prozent ihre Stimme ab. Bei der Europawahl 2009 waren es nur 35,1 Prozent. Selbst der Volksentscheid zur Zukunft des Flughafens Tempelhof ein Jahr zuvor stieß auf etwas mehr Interesse.

Verlass war auch diesmal wieder auf die vorbildlichen Demokraten im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die glänzten vor vier Jahren mit bundesweit ungeschlagenen 83,6 Prozent Wahlbeteiligung – und lagen an diesem Sonntag zumindest mittags im Berliner Vergleich vorn: 30,2 Prozent Beteiligung meldete der Landeswahlleiter um 12 Uhr. Am anderen Ende rangierte Mitte mit 24,1 Prozent. Allerdings warteten sie in Mitte zu jener Zeit noch auf Angela Merkel und ihren Mann Joachim Sauer. Die beiden erschienen gegen 13.30 Uhr in der Mensa der Humboldt- Uni. Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender dagegen hatten bereits gegen 10 Uhr zur Spitzenplatzierung von Steglitz-Zehlendorf beigetragen. Sie gaben in der katholischen Schule St. Ursula ihre Stimmen ab.

Insgesamt lag die Beteiligung in Berlin nach Auskunft des Landeswahlleiters am Mittag um mehr als fünf Prozentpunkte unter der von 2005. Und da bis zum Abend kein Wölkchen den Spätsommerhimmel trübte, wird wohl mancher den Tag lieber komplett im Grünen verbracht haben als vorzeitig heimzukehren, um vor 18 Uhr den Schlenker zum Wahllokal zu nehmen. Einen Hoffnungsschimmer gab es aber noch: Die vergleichsweise hohe Zahl der Briefwähler ist in der schwachen Zwischenbilanz noch nicht enthalten.

Eine erste Hochrechnung zum Wahlausgang in Berlin sollte gegen 19.30 Uhr vorliegen. Mit Zwischenergebnissen zum Abschneiden in Ost und West ist nach 20 Uhr zu rechnen. Und das vorläufige Endergebnis sollte voraussichtlich erst nach Mitternacht vorliegen.

Auch bei ihren politischen Präferenzen sind die Berliner in Ost und West noch längst nicht vereint. 2005 wurde zwar die SPD in beiden Stadtteilen mit 34,9 (West) und 33,9 (Ost) Prozent stärkste Kraft. Aber der zweite Platz ging in den westlichen Bezirken klar an die CDU (27,9 Prozent), während sie in den östlichen Stadtteilen mit 13,6 Prozent abgeschlagen hinter der damaligen PDS landete, die dort auf 29,5 Prozent kam. Im Westen waren für die heutigen Linken nur 7,2 Prozent drin. Die FDP wiederum war im Westen fast doppelt so stark wie im Osten (10,2 zu 5,3 Prozent). Und die zuvor vor allem im Westen erfolgreichen Grünen schafften in ihrer alten Hochburg stolze 15,7 Prozent, wurden aber auch im Osten mit 10,9 Prozent erstmals zweistellig.

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